Gestern las ich einen sehr interessanten Blogbeitrag von Herrn Bock. Er schrieb über die Vergebung als den Weg, der uns frei macht von Groll und somit letzlich Heilung bringt. Vergebung gegenüber den Eltern, auch wenn die vielleicht so sehnsüchtig erwartete Bitte um Verzeihung niemals ausgesprochen werden wird.

Eines vorneweg: Mir gelingt Vergebung nicht. Ich habe es hunderte Male versucht. Doch ich bin noch immer voller Enttäuschung, voller Wut.

Auch ich habe diese Entschuldigung nicht enthalten, und werde es auch nicht mehr, denn meine Eltern sind tot. Nun könnte man sagen, ich hätte es hinter mir, müsse mich nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen. Doch dem ist nicht so, denn ich trage sie mit mir herum, trage sie in mir, jeden Tag. Ebenso wie ich das Kind in mir spüre, das sich nicht lösen kann – nicht will? – und durch seine Wut das Band zu den Eltern aufrechterhält. Es will endlich hören, dass es geliebt wurde.

Ich habe Familienaufstellungen nach der Methode von Bert Hellinger gemacht. Hier erspüren sogenannte Stellvertreter in einer Gruppe die Emotionen in einem Familiensystem. Die Gefühle des Vaters, der Mutter, der Geschwister. Sie reden wie sie, sie sprechen wie sie. Es war überraschend, ein wenig gruselig und unendlich schmerzhaft.

Ich habe erneut die Ablehnung gespürt, die Kälte in meiner Familie. Die Abwesenheit meiner Eltern. Die Konkurrenz mit meinem Bruder um eine Liebe, die nicht existierte. Am Ende einer Familienaufstellung sollte eine Aussöhnung mit der verinnerlichten Familie eintreten. Durch formelhafte Sätze, durch Ehrung und Vergebung. Doch der Frieden wollte sich nicht einstellen. Ganz im Gegenteil. Voller Hass habe ich den Stellvertretern meine Frustration entgegengeschleudert, hätte mich Übergeben können, als ich Hellingers Sätze sagen sollte: „Du bist für mich die Richtige, und ich bin dein richtiges Kind. Du bist die Große, ich die Kleine. Du gibst, ich nehme — liebe Mama, lieber Papa. Ihr seid die Richtigen für mich. Nur Ihr!“

Oh, Himmel, hilf!

Und das, nachdem ich gerade gehört hatte, wie gleichgültig ich ihnen war. Wie enttäuscht sie von mir waren. Wie wenig ich ihren Ansprüchen genügt hatte: „Ich habe dir alles gegeben. Ich habe dich nicht lieben können,“ sagte der Stellvertreter. „Es tut mir leid.“

Ihr seid die Richtigen für mich. Ich bin euer richtiges Kind?! Ihr, die stolz darauf wart, zweijährige Kinder zu verprügeln, ihr, die sogar euren Sohn verstoßen habt? Ihr, die mir nie verziehen habt, dass ich nur ein Mädchen geworden bin? Ihr seid die Richtigen für mich und ich die Richtige für euch? Irgendwie habe ich die Sätze hervorgequält, und innerlich die Finger gekreuzt: „Vergesst es, ich meine es nicht so. Ich wünsche euch zur Hölle.“ Es fühlte sich echter an.

Du sollst deine Eltern lieben und achten.“ Wie oft habe ich das als Kind gehört? Auch Hellinger, der katholische Missionär steht auf dem Standpunkt, dass nur die Ehrung der Eltern die Familienordnung wieder herstellen könnte und die Seele heilen. Und ja, tief im Innern wünsche ich mir ja gerade das. Dass ich sie so sehen könnte. Als Eltern, die ihr Bestes gegeben haben, als Menschen, zu denen ich so aufschauen kann, wie ich es als Fünfjährige tat.

Als meine Eltern noch lebten, versuchte ich mit ihnen darüber zu reden. Ich bekam nur ein „Du hattest eine schöne Kindheit!“ zur Antwort. Sie gaben sich perfekt.

Gaben sich… und das ist vielleicht der entscheidende Punkt. Ich habe unzählige Artikel über narzisstische Menschen gelesen. Und schließlich begriffen, dass es im Grunde selbst tief verletzte Kinder sind. Kinder, die schreien und toben, die lärmen, weil sie sich selbst nicht mehr spüren können. Die vor sich selbst ein perfektes Bild aufrecht erhalten müssen, weil Kritik und Selbstkritik sie zerstört. Menschen, die so sehr leiden, dass sie eine undurchdringliche Mauer um ihre Gefühle errichten.

Ich habe dich nicht lieben können – es tut mir leid.“ Ich weiß, dass mein Vater ebenso wie meine Mutter selbst sadistische Eltern hatten, die ihnen das Leben zur Hölle machten. Dass sie keine Liebe erfahren haben. Ich weiß, dass sie in uns die Eltern suchten, die sie nicht hatten. Sie in uns vielleicht sogar sahen, und diesmal in der Position des Überlegenen waren. Ich habe es ewig analysiert. Kann es mit dem Kopf nachvollziehen. Doch vergeben?

Ein Kind, das nicht geliebt wird, nimmt die Schuld auf sich. „Ihr seid die Richtigen für mich.“ Es fühlt sich an wie: „Ich habe es nicht besser verdient.“ Es ist die gleiche vergiftete Luft, die ich als Kind atmete, die mich wehrlos machte. Es sind die gleichen Entwertungen, die bei jedem Fehler, jedem Scheitern aufs neue aufbrechen. Und ich habe das Gefühl, diesmal dagegen ankämpfen zu müssen, um mich nicht noch einmal kaputt machen zu lassen. Dem „ich habe dich nicht lieben können“ ein großes, rotziges „Na und?!“ entgegenzuschleudern.

Sie sagten, sie hätten mir alles gegeben. Sie haben mich erzeugt und ernährt. Es gab kein Auf-das-Leben-vorbereiten. Noch nicht einmal so etwas wie Sicherheit. Aber stopp – ich muss noch einmal einen Schritt zurückgehen: Sie selbst hatten keine liebevollen Eltern. Sie selbst sind nicht im Ansatz auf das Leben vorbereitet worden. Doch ich habe sie nie Kritik an ihren Familien üben hören. Sie ehrten und achteten ihre Eltern, wie es sich gehörte. Sie haben nicht reflektiert, nicht über andere Wege nachgedacht. Und in uns Kindern dann die Liebe gesucht, die sie selbst vermissten. „Wir hatten nicht sie. Sie hatten uns“, schrieb Helene Hegemann in ihrem Buch Axolotl Roadkill.

Ich habe selbst keine Kinder. Erst hatte ich Angst, keine gute Mutter zu sein. Dann war es zu spät. Menschen, die selbst Kinder haben, wissen, dass man nicht alles richtig machen kann. Ich hingegen habe ein idealisiertes Bild einer Familie. Ja – ich wünschte, ich hätte eine solche gehabt. Ich drehe den Spieß um und sage – ihr habt meinen Ansprüchen nicht genügt. Nach Hellinger nehme ich so einen vollkommen verkehrten Platz in meiner Familie ein. Und auch wenn man nicht seinen Thesen folgt: Macht mich das nicht ebenso arrogant und ungerecht? Ich habe ihr Leben ja nicht gelebt.

Sie haben mich nicht lieben können. Das sagt nicht, dass sie es nicht versucht hätten. Wenn ich tief in der Depression stecke, empfinde ich selbst keine Wärme. Ich kann mich um meine Umwelt kaum kümmern, und wenn, dann nur funktionierend. Liebend? Sicher nicht. Vielleicht habe ich vor meinem Idealbild einer Familie und ihrer perfekten Fassade schlichtweg übersehen, dass sie in ihrer Elternrolle überfordert waren. Dann stimmt es wieder – sie haben mir gegeben, was sie konnten. Mehr war nicht drin.

Mahatma Gandhi sagte, nur unabhängige Menschen seien zur Vergebung fähig. Ich sehe mir noch einmal das kleine Kind an, das den Mangel spürt. Mit keiner Wut der Welt werde ich jemals abtrotzen können, was ich in den frühen Jahren nicht bekommen habe. Es ist Zeit, das anzuerkennen und loszulassen. Trauernd. Enttäuscht im wahrsten Sinne des Wortes. Aber ich bin allein bis hierher gekommen. Ein bisschen verbeult und zerkratzt, mit etlichen Defekten. Ich kann aufhören, um etwas zu kämpfen, was mir schlicht nicht gegeben war. Ebensowenig wie ihnen.

Es fühlt sich noch nicht so an, als sei dies Vergebung. Es ist ein wenig mehr Verständnis. Doch vielleicht ist das ja auch schon ein Schritt.

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