Willst du den Körper heilen, musst du zunächst die Seele heilen.“  Platon.

Drei Tage Gäste. Drei Tage, an denen ich beschlossen habe, mich nicht hängen zu lassen. So zu tun als sei alles okay, und die Depression auch vor mir selbst zu verstecken. Ich konnte es mir einfach nicht leisten, mich zurückzuziehen.

Doch die Depression lässt sich nicht so einfach austricksen. Als ich nicht mehr funktionieren musste, kam sie wieder, schlug mir ein Schnippchen und gab mir einen sprichwörtlichen Schlag ins Genick.

Dann stand ich auf. Das heißt, ich versuchte es. Und mein Rücken war hart wie ein Brett. Der Schmerz zog sich bis in die Schläfen, stach zwischen den Augen und gab mir das Gefühl, mich dringend übergeben zu müssen. Mein Partner massierte mir den Nacken, den Kopf, die Füße, ich schluckte Tabletten ohne Ende. Nichts half. Ich rollte mich auf der Couch zusammen und versteckte mich vor dem Licht des Tages. Ganz genauso, wie ich es immer tat, wenn die Depression übermächtig wurde. „Siehst du, du schaffst schon wieder nichts!“

Und während ich mich wie immer vor dem Leben zurückzog, kamen auch schon die Erinnerungen. Rückblicke auf alte Verletzungen, erst aus der heutigen Zeit, der jüngeren Vergangenheit, die ganz schnell wieder zu den Traumata der Vergangenheit führten. Die Erinnerungen, die immer wieder auftaucht, wenn ich ohnehin schon am liebsten aus meiner Haut schlüpfen würde:

„Sie haben tausend Defizite. Sie haben so oft versagt. Sie konnten ja noch nicht einmal…“

„Aus dir kann ja gar nichts werden…“

Wie oft habe ich das in der Kindheit und Jugend gehört?“

All das kam in dem Moment wieder hoch. Ich spürte es körperlich, wie es mir aus dem rebellierenden Magen stieg, in den schmerzenden Kopf und schließlich in die Augen.

Ich rollte mich auf den Bauch, grub den Kopf ins Kissen und wünschte lautstark alle in die Hölle. Und dann kamen sie, die Tränen. Sturzbachartig. Ich konnte sie laufen lassen, war ja allein. Und in dem Moment spürte ich ganz deutlich, wie sich mein Körper entspannte. Die Muskeln wurden weich. Sie mussten ja nichts mehr zurückhalten. Und ich dachte wieder einmal: Schau hin! Verstecke nichts vor dir selbst. Es ist ja so, wie es ist.

So wie mir gestern, ging es mir über Jahre. Doch ohne, dass ich mir je eingestanden hätte, dass ich unter einer behandlungsbedürftigen Depression leide. Unzählige Orthopäden und Physiotherapeuten versuchten erfolglos, meine ständigen Verspannungen in den Griff zu bekommen. Wie oft habe ich mich röntgen lassen müssen, war im MRT, weil sich Bandscheibenvorfälle ankündigten. Neurologen, die an meinen Dauerkopfschmerzen verzweifelten. Wochenlange Ausfälle im Job, in dem ich sonst so wunderbar funktionierte.

Ja, es ist die Angst vor dem Nicht-mehr-funktionieren-Können, dem sozialen Abstieg, dem Für-verrückt-erklärt-Werden, die tausende von Menschen zu den Fachärzten treibt. Die Pharmaindustrie verdient Millionen an den Schmerzmitteln, die Krankheitszeiten häufen sich. Doch eine Depression, die sich hinter körperlichen Symptomen versteckt, wird allzuoft nicht erkannt. Larvierte Depression nennt sich diese Form der seelischen Störung, die unbewusst vor sich selbst verborgen wird. Man schätzt, dass sie bei ungefähr der Hälfte der Patienten vorliegt, die einen Arzt wegen physischer Beschwerden aufsuchen. Der Körper verweigert sich, solange der Seele kein Raum gegeben wird. Doch eine seelische Erkrankung wird nicht so einfach toleriert.

Viel akzeptabler sind Magenbeschwerden, Rücken- und Kopfschmerzen, Herzsymptome, Schlafstörungen, Unterleibsbeschwerden, ja, auch Haarausfall. Es ging soweit, dass ich – da war ich fünfzehn – auf einmal keine Farben mehr sehen konnte. Ebenfalls ein Zeichen für eine schwere Depression.

Gestern konnte ich der Trauer Raum geben, denn ich weiß ja um meine Depression. All jenen jedoch, die seit Jahren unter unerklärlichen körperlichen Symptomen leiden, rate ich, einmal einen Psychologen aufzusuchen. Wenn das zunächst noch zu schambehaftet ist, vielleicht auch einen ganzheitlichen Heilpraktiker.

Die Symptome verschwinden dann nicht sofort. Auch die Depression muss behandelt werden, und es ist in der Regel ein langwieriger und nicht ganz einfacher Prozess. Doch das Kind hat einen Namen, Antidepressiva helfen schon nach einer kurzen Zeit auch die Schmerzen verschwinden zu lassen, und der Weg zur Heilung kann beginnen.

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