… dass diese Aufforderung in einer Depression nicht nur wenig hilfreich ist, sondern in vielen Fällen sogar noch dazu führt, dass wir uns noch kleiner, unfähiger, beschämter fühlen, kann eigentlich gar nicht oft genug betont werden. Dennoch möchte ich heute einmal ein Plädoyer dafür abgeben, sich auch und gerade in der Depression einmal zu etwas zu zwingen.

Gerade war es einmal wieder so weit. Ich war unglücklich, weinte ständig, ohne Ende, ohne erkennbaren Grund. Die Sonne schien, doch meine Welt war grau und sinnlos. Und sie drehte sich vor allem um eines: Das Scheitern, das Gescheitertsein.

Logische Argumente halfen wie immer nicht weiter. Kein „Lebe im Hier und Jetzt“, kein „Du musst doch nichts erreichen.“ Ich fühlte mich wie eine Versagerin, und die Tatsache, dass ich wie ein Häufchen Elend in der Küche saß, machte es nicht besser.

„Was ist denn bloß mit dir los?“, fragte mein Partner. Eine Depression wirkt von außen so unlogisch.

Ich versuchte es mit einem Bild: „Stell dir vor, du läufst die ganze Zeit mit einem schweren Gewicht auf den Schultern durch die Gegend. Dann kannst du nicht rennen, so sehr du es auch möchtest. Aber ein kleiner Schritt, den andere vielleicht belächeln, ist unter dieser Last schon ein großer Erfolg.“

Er schaute mich sorgenvoll an: „Ist das nicht furchtbar frustrierend?“

Es passiert dann das, was oft vorkommt: Ich versuche mein Umfeld zu beruhigen, vielleicht auch zu trösten. Und damit mich selbst.

„Schau, ich renne vielleicht nicht freudestrahlend durch die Gegend, aber heute bin ich mit dir ins Fitnessstudio gegangen, obwohl es mir schon schwer fiel, den Haushalt zu erledigen. Ich bin nachdenklich, grübele, ja, aber wenigstens laufen mir heute nicht die ganze Zeit die Tränen. Und darüber bin ich wirklich froh. Wenn man in diesen Phasen von froh reden kann.“

Und das ist der Grund, weshalb ich auch der Meinung bin, dass es gut ist, sich von der Depression nicht vollständig vereinnahmen zu lassen, sondern sich hin und wieder auch zu etwas zu zwingen. Zu etwas, das im Rahmen des momentanen Zustandes noch möglich ist. Zu einem ganz eigenen Ziel, nicht zu dem, was andere vielleicht erwarten.

Die anderen haben nicht meine Depression, also ist ein Vergleich mit ihnen fehl am Platz. Um einmal bei dem Bild des Fitnessstudios zu bleiben: Nur weil zwanzig gestandene Bodybuilder um mich stehen und einen Zentner an Gewichten heben, käme ich ja auch nicht auf die Idee, es ihnen gleich zu tun. Ich lege mir die Gewichte auf, die ich zu stemmen in der Lage bin und die mir gut tun. Denn: Im Fitnessstudio geht es mir ja auch nicht um den Vergleich, sondern darum meine Muskeln zu stärken. Meine eigenen.

Sicher, manchmal schaue ich zurück und denke: Mein Gott, ich bin ja nur noch die Hälfte von dem, was ich früher einmal war. Die einzig wahre und ehrliche Antwort darauf ist dann: Ja. Es ist so. Im Moment. Und dieses Akzeptieren  ist schon einmal ein ganz entscheidender Schritt. Er bewahrt mich vor der Verzweiflung, an zu hoch gesteckten Zielen zu scheitern, mir selbst nicht zu genügen. Er gibt mir den Realismus, mir eine Aufgabe vorzunehmen, die ich auch in meinem momentanen Zustand lösen kann.

Wenn diese kleine, eigene, persönliche Aufgabe erst einmal gesetzt ist – und ich gebe zu, selbst dieser Schritt ist in einer Depression nicht so ganz ohne – dann sollte man nach meiner Erfahrung wirklich alles daran setzen, sie auch zu erfüllen. Warum?

Es ist ein wirklicher Erfolg. Ein großer Sieg gegenüber der Depression, die es in diesem Moment nicht geschafft hat, einen ganz in die Knie zu zwingen. Nein, ich habe mich nicht unter der Bettdecke verkrochen, sondern bin mit dem Hund einmal um den Block gelaufen. Es ist egal, was andere davon halten, für mich war es in dieser Situation eine ganz große Leistung. Ich habe auch an diesem Tag ein wenig echtes Leben gelebt.

Vielleicht ist es gut, das auch aufzuschreiben. In ein kleines Erfolgstagebuch: Heute habe ich mir dieses oder jenes zur Aufgabe gemacht. Es ist mir schwergefallen, aber ich habe mich dazu gezwungen und ich habe es geschafft.

Mich macht so etwas durchaus stolz, und dieses Erfolgserlebnis ist für mich ein wichtiger Schritt auf dem Weg heraus aus der depressiven Phase. Ein Signal an mein Unterbewusstsein: Ich kann etwas. Ich schaffe etwas.

Und wenn es mir morgen schlecht gehen sollte, dann werde ich auch das wieder meistern.

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