Vor einiger Zeit habe ich einen Satz gelesen, der mich ins Schleudern gebracht hat:

„Ich habe eine Depression, und ich schäme mich dafür.“

Ich selbst habe mich über Jahrzehnte versteckt, versucht, mir nichts anmerken zu lassen, kämpfe immer noch mit mir, wenn ich darauf angesprochen werde. Doch nun, wo ich es schwarz auf weiß vor mir sehe, drängt sich mir nur ein Gedanke auf:

„Aber warum denn?“

Es ist, als würde dort stehen: Ich habe Diabetes, und ich schäme mich dafür.

Und wo mir noch kürzlich hunderte Gründe eingefallen sind, weshalb niemand, aber auch wirklich niemand etwas von meiner Erkrankung wissen darf, fallen mir nun so einige Argumente dafür ein, mit fester Stimme und klarem Blick dazu zu stehen:

„Ja, ich habe eine Depression. Ja, ich leide an einer seelischen Erkrakung.“ Punkt!

Ein Gedanke vorneweg: Wenn jemand der Meinung ist, einen Menschen stigmatisieren oder beschämen zu wollen, dann wird er einen Grund (er)finden. Niemand ist perfekt, und wenn er es wäre, dann wäre vielleicht genau dies der Makel, auf dem herumgeritten würde. Also liegt es zuallererst einmal an uns selbst, ob wir uns von einem anderen beschämen lassen.

Aber unabhängig davon bin ich der Meinung, dass es zahlreiche Gründe dafür gibt, sich auch nicht vor sich selbst zu schämen:

Erstens: Eine seelische Erkrankung ist eine Krankheit. Niemand hat sie sich ausgesucht.

Egal, ob es nun Veranlagung, äußere Einflüsse oder eine Mischung aus mehreren Faktoren war: Die Seele ist erkrankt und leidet. Das ist ein Grund, sich Hilfe zu suchen, sich behandeln zu lassen, und gut mit sich selbst umzugehen. Ein Grund, für die eigene Gesundheit zu sorgen. Es ist nicht die Folge einer Entscheidung. Es ist keine Strafe. Es ist einfach eine Erkrankung.

Zweitens: Eine seelische Erkrankung ist keine Charakterschwäche

Was auch immer ohnehin dieses Wort zu bedeuten hätte. Doch ich höre es nicht zum ersten Mal. Während eines depressiven Schubes fallen einem Betroffenen die kleinsten Tätigkeiten schwer. Das ist keine Faulheit. Ganz im Gegenteil. Vielleicht ist ja bereits die Fähigkeit, einen strukturierten Tagesablauf einzuhalten, für einen Betroffenen so eine große Hürde, wie für einen gesunden Menschen, ein bedeutendes Projekt zu stemmen. Welche Kraftanstrengung es darstellen kann, an schweren Tagen aufzustehen, Ängste zu überwinden, aus dem Haus zu gehen, weiß nur der Betroffene. Doch wer würde es einem Asthmakranken verübeln, dass er an keinem Marathonlauf teilnimmt?

Auch unsere seelischen Abwehrkräfte sind in diesen Phasen geschwächt. Wir können nicht überzeugend diskutieren, argumentieren, lassen uns vielleicht ausnutzen, treffen Fehlentscheidungen. Doch auch das sagt nichts über unseren Charakter aus, sondern nur etwas über den momentanen Zustand unseres Gehirns, in dem – teilweise – gerade die Chemie ein wenig aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Drittens: Eine psychische Erkrankung sagt nichts über die Intelligenz eines Menschen aus.

Ganz im Gegenteil. Etliche Menschen mit seelischen Erkrankungen werden bis heute zitiert und bewundert. Und das nicht wegen, sondern trotz der Schwierigkeiten, die ihre Krankheit mit sich brachte:

Charles Darwin litt an einer Depression, Ernest Hemmingway und Charles Dickens an einer bipolaren Erkrankung. Friedrich Nietzsche und Isaac Newton sollen unter einer Schizophrenie gelitten haben… Die Liste ist endlos, und es wurde auch bereits unzählige Male darüber geschrieben.

Eine psychische Erkrankung ist also kein Grund, sein Licht unter den Scheffel zu stellen!

Viertens: Wir tun niemandem etwas zuleide.

Auch wenn Hollywood mit diesem Unsinn viel Geld verdient: Unter einer Depression oder einer bipolaren Erkrankung leidet zuallererst der Erkrankte. Sehr. Ein Mensch mit einer solchen seelischen Erkrankung ist weit entfernt davon, ein eiskalter Psychopath zu sein, ein durchgeknallter Killer zu werden. Ganz im Gegenteil: Viele von uns übernehmen eher zu viel Verantwortung, als zu wenig, wir sorgen uns mehr, haben schneller Schuldgefühle. Wir sind Freunde, Familienväter und -mütter, Arbeitskollegen… keine Kettensägenclowns.

Es ist richtig, dass Menschen in einer manischen Phase dazu neigen, sich selbst zu überschätzen, zu viel Geld auszugeben, sich in peinliche Situationen zu bringen oder grenzüberschreitend zu sein. Darunter kann das Umfeld leiden – und aufatmen, wenn die Manie vorbei ist. Oftmals schämen sich die Betroffenen dann selbst für das, was sie in einer manischen Phase angestellt haben. Doch es war nicht geplant, nicht bewusst herbeigeführt. Die Manie an sich ist Teil des Krankheitsbildes. Kein Grund also, sich zu schämen.

Fünftens: Unsere Erkrankung ist nicht ansteckend.

Es gibt keinen Grund, sich vor uns zurückzuziehen. Wir ziehen uns ja bereits selbst zurück. Weil Schuld- und Schamgefühle ein Symptom einer Depression sind. Also bitte, geht auf uns zu, bezieht uns mit ein. Auch wenn wir in einer solchen Situation vielleicht etwas schwierig sind.

Sechstens: Wir sind beileibe nicht allein.

Scham ist ja ein soziales Gefühl. Die Angst, nicht dazuzugehören, anders zu sein als andere. Doch die Depression hat sich längst zu einer Volkskrankheit entwickelt. Es heißt, rund 5% aller Menschen erkranken mindestens einmal im Leben an einer Depression. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch höher. Da braucht man nur einmal auf die Straße zu gehen: Statistisch weiß jeder Zwanzigste genau, wie es uns geht. Warum zeigen wir uns nicht?

Und siebentens: Wir müssen nicht alle gleich sein.

Menschen haben unterschiedliche Stärken und Schwächen. Ein Mensch ist dynamischer, kann gut führen, mitreißen. Maniker können ausgesprochen kreative, charismatische Persönlichkeiten sein. Andere sind ruhiger, doch gute Zuhörer. Manche Menschen sind groß, andere klein, rotharig, blond, brünett, mehr oder weniger praktisch veranlagt, mehr oder weniger intellektuell, gesund, krank… Viele Dinge im Leben sind Zufall.  Ich schäme mich, 1,65 cm groß zu sein? Ich schäme mich meiner Sommersprossen? Nein.

Ich komme noch einmal zurück darauf: Niemand von uns sucht sich seine Krankheit aus.

Mein Traum ist, dass wir herauskommen aus der lähmenden Scham, das wir uns von dem Stigma befreien und frei und offen sagen können:

Ja. Ich habe eine Depression. Und ich tue alles dafür, dennoch ein gutes Leben zu führen.

Herzlichst, Frances

 

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