Vier Uhr nachts in der Nähe von Toledo. Eine unfassbare Stille. Keine Autos, keine Menschen, noch nicht einmal Grillen oder Vögel. Nur ein leises, aber kontinuierliches Rauschen, das genauso gut von einer fernen Straße stammen könnte, wie aus meinem Kopf. Es ist stockfinster, daher sehe ich die Ameisen nicht, die versuchen, an meinen Beinen hochzukrabbeln. Sie kommen über meine Füße nicht hinaus. Ich bin froh über den Hahn, der da gerade kräht. Froh über das Klappern meiner Tastatur. Ich bin die Stille einfach nicht mehr gewöhnt.

War ich es je?

Ich versuche mich zurückzuerinnern. An einen Moment der Ruhe um mich herum, oder auch nur in mir selbst. So lange ich mich entsinne, gab es immer Dinge zu tun. Sachen zu durchdenken. Probleme zu lösen. Das begann schon am frühen Morgen, an dem Mutter rastlos durch die Wohnung rannte und schrie, wenn der Kaffee verschüttet wurde. Die Diskussionen und Schuldzuweisungen, die immer gleichen Erzählungen, mit denen sich Vater die Erinnerungen von der Seele zu schütteln versuchte.

Aus Castilla la Mancha reist meine Phantasie in die Luftschutzkeller von Berlin und in die Gräben von Italien. Wie muss das gewesen sein, in der Stille zu hocken, den Atem anzuhalten, und auf den nächsten Einschlag zu warten? War nicht jedes Zerreissen der Stille, jeder ohrenbetäubende Lärm besser, als die Ungewissheit? Es hatte einen – noch einmal – nicht erwischt? Ich tauche ein in das Gefühl, und weiß nicht, was mich gerade nervöser macht. Die Ameisen oder die Dunkelheit um mich herum.

„Der zweite Weltkrieg ist so unsexy“, sagte mir einmal ein Verleger. Er sei zu lange her. Ich wüsste gern, wie viel von dieser Zeit, die doch schon immer zu unsexy war, um Fragen zu stellen, nun durch unsere Adern rauscht und uns antreibt. Ich stellte wenige Fragen. Sog aber alles in mich auf, das Vater von der Front erzählte. – Eine Sechsjährige mit flammender Fantasie, und der 56 Jährige, der so spannend berichten konnte. Unser Code war: „Willst du eine Abenteuergeschichte hören?“ Mutter ging dann aus dem Zimmer.

Es ging in diesen Geschichten nicht um Freund oder Feind, nicht um Richtig oder Falsch. Vater sang mir stattdessen die alten Lieder vor, sprach von seinen Märschen durch ferne Länder, und davon, wie er „Frau und Kind verteidigt hatte.“ Meine Vorstellungskraft lies mich Bilder erfinden, von Wäldern, in denen er sich versteckt hielt, Männern, die auf einmal ohne Kopf neben ihm lagen, oder den Moment, in dem er erkannte, dass auch er an seinen Verletzungen sterben könnte. Ich erinnere mich an die Angst, die ich empfand: „Papa, ich hätte dich gerettet.“

Ja, viele Jahre später, kamen dann auch solche Fragen auf wie: Ähm, und du? Hast du getötet? Wie lebst du damit? – Ich habe sie nicht gestellt. Nur an eine einzige, irgendwann mit acht oder neun: „Warum bist du denn nicht einfach gegangen?“ – „Weil sie dann mich getötet hätten.“ Mehr brauchte ich nicht zu hören. Von Vater lernte ich, dass es tödlich war, sich im Graben oder Luftschutzkeller eine Zigarette anzuzünden. Wer das tat, verriet nicht nur sich selbst, sondern lieferte auch alle Menschen aus, die mit ihm Schutz suchten. Nur ein unbedachtes Klicken des Feuerzeuges…. Ich hätte jetzt gerne eine.

Wie um alles in der Welt schafften es die Menschen, nicht komplett durchzudrehen? Oder taten sie es, und wir wissen nur nichts davon? Nicht nur von der Front weiß ich so viel und eigentlich gar nichts. Auch nicht aus den Luftschutzkellern, in denen sich meine Mutter als Zehn-, Elfjährige versteckt hielt. Sie erstarrte, wenn sie eine Sirene hörte. Und lachte, wenn ich dann anfing zu weinen. Stille gab es in unserem Hause nicht.

Die Ameisen attackieren zu Hundertschaften. Was tat eigentlich ein Mann, der sich ausgerechnet auf einen Ameisenhügel werfen musste, um sich zu verstecken? Wie konnte der still bleiben? Kleinigkeiten, nach denen ich heute gerne jemanden fragen würde. Jenseits von ideologischen Statements und der Frage nach der Schuld. Die übernahmen und übernehmen noch immer die Kids, die in die Kriege geschickt werden. Reden sie sich vielleicht schön von wegen Erfüllung der Pflicht für die Heimat, Heldentum, Einsatz für eine bessere Welt…. Dabei ist das alles doch nur eins: Unfassbar unfair!

Ich gehe ins Zimmer und hole meine Zigaretten. Vorbei an meiner Familie, die tief und ruhig schläft. Wie würde ich eigentlich reagieren, würde man mich auffordern, sie zu verteidigen? Mal ganz jenseits von Einberufungsbefehlen und Standgerichten.

„Wir waren nur Kanonenfutter.“, sagte mein Vater kurz vor seinem Tod. Vorher ging er mit Knüppeln auf Eichhörnchen los, da er seine Familie vor ihnen beschützen musste. Und er hatte immer einen Dolch unter seinem Bett. Ich weiß nicht, was schlimmer für ihn war: Die Vorstellung, Schuld auf sich geladen zu haben. Oder die ohnmächtige Erkenntnis, geopfert worden zu sein. In beiden Gedankenwelten gibt es kein Maß und keine Mitte, keinen Notausgang in ein normales Leben.

Vielleicht ist es ja wirklich ganz unsexy, wenn ich das schreibe. Doch es ist noch lange nicht vorbei. All das Verschwiegene, jedes Trauma, diesen ganzen Wahnsinn, tragen wir in unseren Adern und weiter von Generation zu Generation. Wir überleben noch immer. Vielleicht hängt die berühmte „German Angst“, unser Sicherheitsstreben, gar nicht so sehr mit unserem Wohlstand zusammen, sondern mit unserer Vergangenheit? Vielleicht ist ihre Angst ja heute unsere? Gerade denke ich, dass es immer weniger Menschen werden, die man danach fragen könnte. Aber nein – es sind nur andere Schauplätze, an denen sich die Kriege heute abspielen. Niemand fragt nach dem Leben danach.

Es ist sechs Uhr morgens, noch immer ist es stockfinster. Doch ich höre Autos und merke, dass mich das freut. Ich habe die Zigarette in den Aschenbecher gedrückt. Und warte auf den Sonnenaufgang.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s