Vor wenigen Tagen spazierte ich mit meiner kleinen Familie noch ganz nah an den Ramblas von Barcelona entlang, heute stehe ich in Madrid und versuche, irgendwie meine Gefühle zu ordnen.

Das Leben im touristischen Zentrum der Hauptstadt scheint einfach weiterzugehen. Die Menschen lachen, in den Straßencafés tummeln sich die Gäste und die Sonne scheint. Ich befinde mich auf einem der wichtigsten Plätze der Stadt, einem solchen Ort, wie es auch die Ramblas in Barcelona sind. Eine riesige schwarze Schleife an einer Häuserfassade, Blumen, Kerzen, zahlreiche Polizeifahrzeuge, ein Blutspendebus, eine Frau mit Tränen in den Augen, lachende Clowns, Musiker, spielende Kinder, Straßenhändler… Die Situation ist surrealistisch und irgendwie absurd.

Was mich aber innerlich gerade tatsächlich schier in der Mitte zerreißt, ist das, was ich in den sozialen Netzen lese. Natürlich ist da Anteilnahme, Entsetzen, Mitgefühl oder einfach auch nur Gleichgültigkeit. Doch ich erlebe nach jedem Terroranschlag in Europa auch zunehmend Reaktionen, die ich schon fast als Schadenfreude, auf jeden Fall aber als Pietätlosigkeit bezeichnen würde, die mich unfassbar wütend machen – und denen ich auf der anderen Seite irgendwie doch auch Recht gebe.

Der Tenor dieser Kommentare ist entweder: Hört doch auf so voller Pathos um eine handvoll Europäer zu trauern, während euch die zu Hunderten und Tausenden sterbenden Menschen in Nahost nicht die Bohne interessieren. Und ich denke dann: Ja. Stimmt. Wo ist der Unterschied? Die Toten und Verwundeten in Barcelona sind ebenso unschuldig wie diejenigen, die in den Trümmern von Damaskus umkommen. Die Betroffenheit darüber hält sich allerdings in Grenzen. Und nur weil es nicht vor unserer Haustür passiert, wird es nicht weniger grauenhaft. Ein Krankenhaus in Aleppo zu bombardieren ist genauso unmenschlicher Terror wie die kaltblütigen Fahrten durch eine Menschenmenge in Barcelona oder Nizza. Nur ist der Aufschrei hierzulande lauter, wenn sich das Grauen praktisch vor der eigenen Haustür abspielt. Es wird in diesen Facebook – Kommentaren dann dazu aufgerufen, nicht nur an Barcelona zu erinnern, sondern bei der Gelegenheit gleich noch einmal ein paar Bilder aus den Krisengebieten zu posten, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Und ich finde das eigentlich gar nicht so schlecht… wenn nicht…

Diese anderen Postings auftauchen würden: Europa- bzw. Europäer-Bashing zum, wie ich finde, denkbar unpassenden Zeitpunkt. „Das geschieht ihnen ganz recht!“, „Sie ernten was sie sähen!“, „Das haben sie nun von ihrer Arroganz.“

Wer denn genau ernten, und wer genau sähen würde, habe ich einen dieser Kommentatoren gefragt. Ich sehe keinen Mariano Rajoy an einer Eisdiele in Barcelona vorbeischlendern, keine Rüstungsindustriemagnaten auf einem Weihnachtsmarkt in Berlin. Stattdessen Urlauber, Familien mit Kindern. Die, die sich eine goldene Nase am Krieg in Nahost verdienen, ernten nicht den Terror, den sie sähen. Ich vermute mal, er interessiert sie maximal als willkommenes Argument für einen neuen Angriff, einen neuen Deal.

Die Antwort: „So lange die Europäer Regime wählen, die den Krieg unterstützen, oder aber wegschauen und dagegen nicht auf die Straßen gehen, werden sie immer wieder Zielscheibe von Terrorakten werden.“ Und ich denke. Verdammt. Wenn meine Familie im Krieg verletzt oder getötet würde, wenn ich nichts mehr zu verlieren hätte…. Würde ich nicht vielleicht auch noch eine handvoll derer mitnehmen, die einfach nur zugeschaut und nichts getan haben?! Die ich für zumindest mitschuldig halte?

Und jetzt wird es eklig, denn ganz egal in welche Richtung ich denke, um den Ausweg zu finden: Ich sehe keinen.

Gehen wir auf die Straße und verkünden wir unsere Ablehnung von Waffenhandel und NATO-Kriegsbeteiligung. Jetzt gleich, als Reaktion auf den Anschlag. So nach dem Motto: Wir haben keine Lust mehr, das zu bezahlen, was ihr im Ausland verzapft! Bringt das etwas? Wird das etwas ändern? Oder spielt das Trittbrettfahrern und neuen Terroristen nicht nur in die Hände? Ich meine, es muss doch ein berauschendes Gefühl sein, mit einem Anschlag die Massen mobilisieren zu können.

Wenden wir uns gegen die Terroristen und unterstützen wir den Kampf, dann geht es genauso weiter, wie bisher.

Tun wir gar nichts, trauern nur und werden vielleicht auch etwas ängstlicher und vorsichtiger, dann ändert sich ebenso wenig.

Halten wir erst einmal die Füße still und gehen dann irgendwann einmal auf die Straße um uns gegen den Krieg auszusprechen dann hat das vielleicht ein wenig Nachrichtenwert. Doch ändert es etwas? Oder rennen wir doch nur gegen eine Wand aus Alternativlosigkeit?

„Wählt andere Politiker!“, war darauf hin sein für meine Begriffe ebenso romantisches wie weltfremdes Argument. Ich kenne niemanden, der sich offen und vehement gegen Rüstung und Militäreinsätze ausgesprochen und dabei jemals das politische Schwergewicht erreicht hätte, wirklich Einfluss nehmen zu können. Weiße Ritter gibt es nur im Märchen.

Also schmore ich weiter in meiner Ohnmacht und Wut und lasse mir noch dazu die Schuld in die Schuhe schieben? Oder ist das nur meine erlernte Hilflosigkeit und es gibt in Wahrheit eine Alternative, die ich nur noch nicht gesehen habe?

Was meint ihr?

Ein Gedanke zu “Barcelona, Facebook und jede Menge Wut

  1. Vielen Dank, Angelina Ister, für deinen interessanten Videokommentar!

    Hallo liebe Frances Dahlenburg, hier meine Gedanken zu deinem Post und Blogartikel. Herzliche Grüße Angelina Ister

    Wer mehr über Angelinas Arbeit wissen möchte, wird hier fündig :

    https://www.facebook.com/groups/1802392776748706/

    https://www.facebook.com/groups/1280265272126292/

    https://www.youtube.com/channel/UCOOa8obw8rkidKADrRy7S7w/featured

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