Hand auf’s Herz! 

Heute wird meine Rebellion geweckt.

Erst erhalte ich eine Mail, warum ich denn über eine so „verpönte Krankheit“ bloggen würde. Dann eine Umfrage, ob psychisch Erkrankte ein Ehrenamt ausüben dürften. 

Ich frage jetzt mal in die Runde: Gehen wir hier nicht mit Siebenmeilenstiefeln in der Geschichte zurück? 

Hand auf’s Herz! Welche Assoziationen wecken psychische Erkrankungen im 21. Jahrhundert in der Öffentlichkeit? Bei euch selbst? 

Bin auf alle Meinungen sehr gespannt. 

Warum ich nicht auf Antidepressiva verzichte

Kurz und knapp und, wie ich finde, ganz wunderbar, beschreibt Fachmann Robin Loewe die Wirkung von Antidepressiva.  Ich bin oft gefragt worden,  ob ich nicht Angst hätte, dass sie meine Persönlichkeit verändern. Dass ich nicht mehr „ich“ bin.

Ein ganz klares Nein!

Und hier beschreibt Robin Loewe weshalb:

„Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, die ADs würden das graue Leben bunt machen. Antidepressiva regeln den Stoffwechsel im Gehirn, normalisieren also einen kranken Zustand.

Nach dieser Logik würde ich meinen Blutdrucksenker nicht mehr nehmen, weil der Blutdruck dann ja nur wegen der Pille normal ist. Oder Diabetiker nehmen ihr Insulin nicht, weil man ja nur wegen der Tablette alles essen kann. Oder ich putze meine Zähne nicht, weil Karies der Normalzustand ist.

Psychopharmaka haben zu Unrecht so einen zweifelhaften Ruf. Weder verändern sie die Persönlichkeit noch machen sie abhängig (von Benzos mal abgesehen). Wenn jemand wegen etwaiger Nebenwirkungen keine ADs nehmen will, kann ich das verstehen.

Wenn sie jemand gerade wegen ihrer Wirkung nicht nehmen will, ist mir das komplett unverständlich.“

Danke, Robin!

Reiß dich ein bisschen zusammen! 

… dass diese Aufforderung in einer Depression nicht nur wenig hilfreich ist, sondern in vielen Fällen sogar noch dazu führt, dass wir uns noch kleiner, unfähiger, beschämter fühlen, kann eigentlich gar nicht oft genug betont werden. Dennoch möchte ich heute einmal ein Plädoyer dafür abgeben, sich auch und gerade in der Depression einmal zu etwas zu zwingen.

Gerade war es einmal wieder so weit. Ich war unglücklich, weinte ständig, ohne Ende, ohne erkennbaren Grund. Die Sonne schien, doch meine Welt war grau und sinnlos. Und sie drehte sich vor allem um eines: Das Scheitern, das Gescheitertsein.

Logische Argumente halfen wie immer nicht weiter. Kein „Lebe im Hier und Jetzt“, kein „Du musst doch nichts erreichen.“ Ich fühlte mich wie eine Versagerin, und die Tatsache, dass ich wie ein Häufchen Elend in der Küche saß, machte es nicht besser.

„Was ist denn bloß mit dir los?“, fragte mein Partner. Eine Depression wirkt von außen so unlogisch.

Ich versuchte es mit einem Bild: „Stell dir vor, du läufst die ganze Zeit mit einem schweren Gewicht auf den Schultern durch die Gegend. Dann kannst du nicht rennen, so sehr du es auch möchtest. Aber ein kleiner Schritt, den andere vielleicht belächeln, ist unter dieser Last schon ein großer Erfolg.“

Er schaute mich sorgenvoll an: „Ist das nicht furchtbar frustrierend?“

Es passiert dann das, was oft vorkommt: Ich versuche mein Umfeld zu beruhigen, vielleicht auch zu trösten. Und damit mich selbst.

„Schau, ich renne vielleicht nicht freudestrahlend durch die Gegend, aber heute bin ich mit dir ins Fitnessstudio gegangen, obwohl es mir schon schwer fiel, den Haushalt zu erledigen. Ich bin nachdenklich, grübele, ja, aber wenigstens laufen mir heute nicht die ganze Zeit die Tränen. Und darüber bin ich wirklich froh. Wenn man in diesen Phasen von froh reden kann.“

Und das ist der Grund, weshalb ich auch der Meinung bin, dass es gut ist, sich von der Depression nicht vollständig vereinnahmen zu lassen, sondern sich hin und wieder auch zu etwas zu zwingen. Zu etwas, das im Rahmen des momentanen Zustandes noch möglich ist. Zu einem ganz eigenen Ziel, nicht zu dem, was andere vielleicht erwarten.

Die anderen haben nicht meine Depression, also ist ein Vergleich mit ihnen fehl am Platz. Um einmal bei dem Bild des Fitnessstudios zu bleiben: Nur weil zwanzig gestandene Bodybuilder um mich stehen und einen Zentner an Gewichten heben, käme ich ja auch nicht auf die Idee, es ihnen gleich zu tun. Ich lege mir die Gewichte auf, die ich zu stemmen in der Lage bin und die mir gut tun. Denn: Im Fitnessstudio geht es mir ja auch nicht um den Vergleich, sondern darum meine Muskeln zu stärken. Meine eigenen.

Sicher, manchmal schaue ich zurück und denke: Mein Gott, ich bin ja nur noch die Hälfte von dem, was ich früher einmal war. Die einzig wahre und ehrliche Antwort darauf ist dann: Ja. Es ist so. Im Moment. Und dieses Akzeptieren  ist schon einmal ein ganz entscheidender Schritt. Er bewahrt mich vor der Verzweiflung, an zu hoch gesteckten Zielen zu scheitern, mir selbst nicht zu genügen. Er gibt mir den Realismus, mir eine Aufgabe vorzunehmen, die ich auch in meinem momentanen Zustand lösen kann.

Wenn diese kleine, eigene, persönliche Aufgabe erst einmal gesetzt ist – und ich gebe zu, selbst dieser Schritt ist in einer Depression nicht so ganz ohne – dann sollte man nach meiner Erfahrung wirklich alles daran setzen, sie auch zu erfüllen. Warum?

Es ist ein wirklicher Erfolg. Ein großer Sieg gegenüber der Depression, die es in diesem Moment nicht geschafft hat, einen ganz in die Knie zu zwingen. Nein, ich habe mich nicht unter der Bettdecke verkrochen, sondern bin mit dem Hund einmal um den Block gelaufen. Es ist egal, was andere davon halten, für mich war es in dieser Situation eine ganz große Leistung. Ich habe auch an diesem Tag ein wenig echtes Leben gelebt.

Vielleicht ist es gut, das auch aufzuschreiben. In ein kleines Erfolgstagebuch: Heute habe ich mir dieses oder jenes zur Aufgabe gemacht. Es ist mir schwergefallen, aber ich habe mich dazu gezwungen und ich habe es geschafft.

Mich macht so etwas durchaus stolz, und dieses Erfolgserlebnis ist für mich ein wichtiger Schritt auf dem Weg heraus aus der depressiven Phase. Ein Signal an mein Unterbewusstsein: Ich kann etwas. Ich schaffe etwas.

Und wenn es mir morgen schlecht gehen sollte, dann werde ich auch das wieder meistern.

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Wenn die Trauer sich versteckt

Willst du den Körper heilen, musst du zunächst die Seele heilen.“  Platon.

Drei Tage Gäste. Drei Tage, an denen ich beschlossen habe, mich nicht hängen zu lassen. So zu tun als sei alles okay, und die Depression auch vor mir selbst zu verstecken. Ich konnte es mir einfach nicht leisten, mich zurückzuziehen.

Doch die Depression lässt sich nicht so einfach austricksen. Als ich nicht mehr funktionieren musste, kam sie wieder, schlug mir ein Schnippchen und gab mir einen sprichwörtlichen Schlag ins Genick.

Dann stand ich auf. Das heißt, ich versuchte es. Und mein Rücken war hart wie ein Brett. Der Schmerz zog sich bis in die Schläfen, stach zwischen den Augen und gab mir das Gefühl, mich dringend übergeben zu müssen. Mein Partner massierte mir den Nacken, den Kopf, die Füße, ich schluckte Tabletten ohne Ende. Nichts half. Ich rollte mich auf der Couch zusammen und versteckte mich vor dem Licht des Tages. Ganz genauso, wie ich es immer tat, wenn die Depression übermächtig wurde. „Siehst du, du schaffst schon wieder nichts!“

Und während ich mich wie immer vor dem Leben zurückzog, kamen auch schon die Erinnerungen. Rückblicke auf alte Verletzungen, erst aus der heutigen Zeit, der jüngeren Vergangenheit, die ganz schnell wieder zu den Traumata der Vergangenheit führten. Die Erinnerungen, die immer wieder auftaucht, wenn ich ohnehin schon am liebsten aus meiner Haut schlüpfen würde:

„Sie haben tausend Defizite. Sie haben so oft versagt. Sie konnten ja noch nicht einmal…“

„Aus dir kann ja gar nichts werden…“

Wie oft habe ich das in der Kindheit und Jugend gehört?“

All das kam in dem Moment wieder hoch. Ich spürte es körperlich, wie es mir aus dem rebellierenden Magen stieg, in den schmerzenden Kopf und schließlich in die Augen.

Ich rollte mich auf den Bauch, grub den Kopf ins Kissen und wünschte lautstark alle in die Hölle. Und dann kamen sie, die Tränen. Sturzbachartig. Ich konnte sie laufen lassen, war ja allein. Und in dem Moment spürte ich ganz deutlich, wie sich mein Körper entspannte. Die Muskeln wurden weich. Sie mussten ja nichts mehr zurückhalten. Und ich dachte wieder einmal: Schau hin! Verstecke nichts vor dir selbst. Es ist ja so, wie es ist.

So wie mir gestern, ging es mir über Jahre. Doch ohne, dass ich mir je eingestanden hätte, dass ich unter einer behandlungsbedürftigen Depression leide. Unzählige Orthopäden und Physiotherapeuten versuchten erfolglos, meine ständigen Verspannungen in den Griff zu bekommen. Wie oft habe ich mich röntgen lassen müssen, war im MRT, weil sich Bandscheibenvorfälle ankündigten. Neurologen, die an meinen Dauerkopfschmerzen verzweifelten. Wochenlange Ausfälle im Job, in dem ich sonst so wunderbar funktionierte.

Ja, es ist die Angst vor dem Nicht-mehr-funktionieren-Können, dem sozialen Abstieg, dem Für-verrückt-erklärt-Werden, die tausende von Menschen zu den Fachärzten treibt. Die Pharmaindustrie verdient Millionen an den Schmerzmitteln, die Krankheitszeiten häufen sich. Doch eine Depression, die sich hinter körperlichen Symptomen versteckt, wird allzuoft nicht erkannt. Larvierte Depression nennt sich diese Form der seelischen Störung, die unbewusst vor sich selbst verborgen wird. Man schätzt, dass sie bei ungefähr der Hälfte der Patienten vorliegt, die einen Arzt wegen physischer Beschwerden aufsuchen. Der Körper verweigert sich, solange der Seele kein Raum gegeben wird. Doch eine seelische Erkrankung wird nicht so einfach toleriert.

Viel akzeptabler sind Magenbeschwerden, Rücken- und Kopfschmerzen, Herzsymptome, Schlafstörungen, Unterleibsbeschwerden, ja, auch Haarausfall. Es ging soweit, dass ich – da war ich fünfzehn – auf einmal keine Farben mehr sehen konnte. Ebenfalls ein Zeichen für eine schwere Depression.

Gestern konnte ich der Trauer Raum geben, denn ich weiß ja um meine Depression. All jenen jedoch, die seit Jahren unter unerklärlichen körperlichen Symptomen leiden, rate ich, einmal einen Psychologen aufzusuchen. Wenn das zunächst noch zu schambehaftet ist, vielleicht auch einen ganzheitlichen Heilpraktiker.

Die Symptome verschwinden dann nicht sofort. Auch die Depression muss behandelt werden, und es ist in der Regel ein langwieriger und nicht ganz einfacher Prozess. Doch das Kind hat einen Namen, Antidepressiva helfen schon nach einer kurzen Zeit auch die Schmerzen verschwinden zu lassen, und der Weg zur Heilung kann beginnen.

Vergebung – eine vorsichtige Annäherung

Gestern las ich einen sehr interessanten Blogbeitrag von Herrn Bock. Er schrieb über die Vergebung als den Weg, der uns frei macht von Groll und somit letzlich Heilung bringt. Vergebung gegenüber den Eltern, auch wenn die vielleicht so sehnsüchtig erwartete Bitte um Verzeihung niemals ausgesprochen werden wird.

Eines vorneweg: Mir gelingt Vergebung nicht. Ich habe es hunderte Male versucht. Doch ich bin noch immer voller Enttäuschung, voller Wut.

Auch ich habe diese Entschuldigung nicht enthalten, und werde es auch nicht mehr, denn meine Eltern sind tot. Nun könnte man sagen, ich hätte es hinter mir, müsse mich nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen. Doch dem ist nicht so, denn ich trage sie mit mir herum, trage sie in mir, jeden Tag. Ebenso wie ich das Kind in mir spüre, das sich nicht lösen kann – nicht will? – und durch seine Wut das Band zu den Eltern aufrechterhält. Es will endlich hören, dass es geliebt wurde.

Ich habe Familienaufstellungen nach der Methode von Bert Hellinger gemacht. Hier erspüren sogenannte Stellvertreter in einer Gruppe die Emotionen in einem Familiensystem. Die Gefühle des Vaters, der Mutter, der Geschwister. Sie reden wie sie, sie sprechen wie sie. Es war überraschend, ein wenig gruselig und unendlich schmerzhaft.

Ich habe erneut die Ablehnung gespürt, die Kälte in meiner Familie. Die Abwesenheit meiner Eltern. Die Konkurrenz mit meinem Bruder um eine Liebe, die nicht existierte. Am Ende einer Familienaufstellung sollte eine Aussöhnung mit der verinnerlichten Familie eintreten. Durch formelhafte Sätze, durch Ehrung und Vergebung. Doch der Frieden wollte sich nicht einstellen. Ganz im Gegenteil. Voller Hass habe ich den Stellvertretern meine Frustration entgegengeschleudert, hätte mich Übergeben können, als ich Hellingers Sätze sagen sollte: „Du bist für mich die Richtige, und ich bin dein richtiges Kind. Du bist die Große, ich die Kleine. Du gibst, ich nehme — liebe Mama, lieber Papa. Ihr seid die Richtigen für mich. Nur Ihr!“

Oh, Himmel, hilf!

Und das, nachdem ich gerade gehört hatte, wie gleichgültig ich ihnen war. Wie enttäuscht sie von mir waren. Wie wenig ich ihren Ansprüchen genügt hatte: „Ich habe dir alles gegeben. Ich habe dich nicht lieben können,“ sagte der Stellvertreter. „Es tut mir leid.“

Ihr seid die Richtigen für mich. Ich bin euer richtiges Kind?! Ihr, die stolz darauf wart, zweijährige Kinder zu verprügeln, ihr, die sogar euren Sohn verstoßen habt? Ihr, die mir nie verziehen habt, dass ich nur ein Mädchen geworden bin? Ihr seid die Richtigen für mich und ich die Richtige für euch? Irgendwie habe ich die Sätze hervorgequält, und innerlich die Finger gekreuzt: „Vergesst es, ich meine es nicht so. Ich wünsche euch zur Hölle.“ Es fühlte sich echter an.

Du sollst deine Eltern lieben und achten.“ Wie oft habe ich das als Kind gehört? Auch Hellinger, der katholische Missionär steht auf dem Standpunkt, dass nur die Ehrung der Eltern die Familienordnung wieder herstellen könnte und die Seele heilen. Und ja, tief im Innern wünsche ich mir ja gerade das. Dass ich sie so sehen könnte. Als Eltern, die ihr Bestes gegeben haben, als Menschen, zu denen ich so aufschauen kann, wie ich es als Fünfjährige tat.

Als meine Eltern noch lebten, versuchte ich mit ihnen darüber zu reden. Ich bekam nur ein „Du hattest eine schöne Kindheit!“ zur Antwort. Sie gaben sich perfekt.

Gaben sich… und das ist vielleicht der entscheidende Punkt. Ich habe unzählige Artikel über narzisstische Menschen gelesen. Und schließlich begriffen, dass es im Grunde selbst tief verletzte Kinder sind. Kinder, die schreien und toben, die lärmen, weil sie sich selbst nicht mehr spüren können. Die vor sich selbst ein perfektes Bild aufrecht erhalten müssen, weil Kritik und Selbstkritik sie zerstört. Menschen, die so sehr leiden, dass sie eine undurchdringliche Mauer um ihre Gefühle errichten.

Ich habe dich nicht lieben können – es tut mir leid.“ Ich weiß, dass mein Vater ebenso wie meine Mutter selbst sadistische Eltern hatten, die ihnen das Leben zur Hölle machten. Dass sie keine Liebe erfahren haben. Ich weiß, dass sie in uns die Eltern suchten, die sie nicht hatten. Sie in uns vielleicht sogar sahen, und diesmal in der Position des Überlegenen waren. Ich habe es ewig analysiert. Kann es mit dem Kopf nachvollziehen. Doch vergeben?

Ein Kind, das nicht geliebt wird, nimmt die Schuld auf sich. „Ihr seid die Richtigen für mich.“ Es fühlt sich an wie: „Ich habe es nicht besser verdient.“ Es ist die gleiche vergiftete Luft, die ich als Kind atmete, die mich wehrlos machte. Es sind die gleichen Entwertungen, die bei jedem Fehler, jedem Scheitern aufs neue aufbrechen. Und ich habe das Gefühl, diesmal dagegen ankämpfen zu müssen, um mich nicht noch einmal kaputt machen zu lassen. Dem „ich habe dich nicht lieben können“ ein großes, rotziges „Na und?!“ entgegenzuschleudern.

Sie sagten, sie hätten mir alles gegeben. Sie haben mich erzeugt und ernährt. Es gab kein Auf-das-Leben-vorbereiten. Noch nicht einmal so etwas wie Sicherheit. Aber stopp – ich muss noch einmal einen Schritt zurückgehen: Sie selbst hatten keine liebevollen Eltern. Sie selbst sind nicht im Ansatz auf das Leben vorbereitet worden. Doch ich habe sie nie Kritik an ihren Familien üben hören. Sie ehrten und achteten ihre Eltern, wie es sich gehörte. Sie haben nicht reflektiert, nicht über andere Wege nachgedacht. Und in uns Kindern dann die Liebe gesucht, die sie selbst vermissten. „Wir hatten nicht sie. Sie hatten uns“, schrieb Helene Hegemann in ihrem Buch Axolotl Roadkill.

Ich habe selbst keine Kinder. Erst hatte ich Angst, keine gute Mutter zu sein. Dann war es zu spät. Menschen, die selbst Kinder haben, wissen, dass man nicht alles richtig machen kann. Ich hingegen habe ein idealisiertes Bild einer Familie. Ja – ich wünschte, ich hätte eine solche gehabt. Ich drehe den Spieß um und sage – ihr habt meinen Ansprüchen nicht genügt. Nach Hellinger nehme ich so einen vollkommen verkehrten Platz in meiner Familie ein. Und auch wenn man nicht seinen Thesen folgt: Macht mich das nicht ebenso arrogant und ungerecht? Ich habe ihr Leben ja nicht gelebt.

Sie haben mich nicht lieben können. Das sagt nicht, dass sie es nicht versucht hätten. Wenn ich tief in der Depression stecke, empfinde ich selbst keine Wärme. Ich kann mich um meine Umwelt kaum kümmern, und wenn, dann nur funktionierend. Liebend? Sicher nicht. Vielleicht habe ich vor meinem Idealbild einer Familie und ihrer perfekten Fassade schlichtweg übersehen, dass sie in ihrer Elternrolle überfordert waren. Dann stimmt es wieder – sie haben mir gegeben, was sie konnten. Mehr war nicht drin.

Mahatma Gandhi sagte, nur unabhängige Menschen seien zur Vergebung fähig. Ich sehe mir noch einmal das kleine Kind an, das den Mangel spürt. Mit keiner Wut der Welt werde ich jemals abtrotzen können, was ich in den frühen Jahren nicht bekommen habe. Es ist Zeit, das anzuerkennen und loszulassen. Trauernd. Enttäuscht im wahrsten Sinne des Wortes. Aber ich bin allein bis hierher gekommen. Ein bisschen verbeult und zerkratzt, mit etlichen Defekten. Ich kann aufhören, um etwas zu kämpfen, was mir schlicht nicht gegeben war. Ebensowenig wie ihnen.

Es fühlt sich noch nicht so an, als sei dies Vergebung. Es ist ein wenig mehr Verständnis. Doch vielleicht ist das ja auch schon ein Schritt.

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