Barcelona, Facebook und jede Menge Wut

Vor wenigen Tagen spazierte ich mit meiner kleinen Familie noch ganz nah an den Ramblas von Barcelona entlang, heute stehe ich in Madrid und versuche, irgendwie meine Gefühle zu ordnen.

Das Leben im touristischen Zentrum der Hauptstadt scheint einfach weiterzugehen. Die Menschen lachen, in den Straßencafés tummeln sich die Gäste und die Sonne scheint. Ich befinde mich auf einem der wichtigsten Plätze der Stadt, einem solchen Ort, wie es auch die Ramblas in Barcelona sind. Eine riesige schwarze Schleife an einer Häuserfassade, Blumen, Kerzen, zahlreiche Polizeifahrzeuge, ein Blutspendebus, eine Frau mit Tränen in den Augen, lachende Clowns, Musiker, spielende Kinder, Straßenhändler… Die Situation ist surrealistisch und irgendwie absurd.

Was mich aber innerlich gerade tatsächlich schier in der Mitte zerreißt, ist das, was ich in den sozialen Netzen lese. Natürlich ist da Anteilnahme, Entsetzen, Mitgefühl oder einfach auch nur Gleichgültigkeit. Doch ich erlebe nach jedem Terroranschlag in Europa auch zunehmend Reaktionen, die ich schon fast als Schadenfreude, auf jeden Fall aber als Pietätlosigkeit bezeichnen würde, die mich unfassbar wütend machen – und denen ich auf der anderen Seite irgendwie doch auch Recht gebe.

Der Tenor dieser Kommentare ist entweder: Hört doch auf so voller Pathos um eine handvoll Europäer zu trauern, während euch die zu Hunderten und Tausenden sterbenden Menschen in Nahost nicht die Bohne interessieren. Und ich denke dann: Ja. Stimmt. Wo ist der Unterschied? Die Toten und Verwundeten in Barcelona sind ebenso unschuldig wie diejenigen, die in den Trümmern von Damaskus umkommen. Die Betroffenheit darüber hält sich allerdings in Grenzen. Und nur weil es nicht vor unserer Haustür passiert, wird es nicht weniger grauenhaft. Ein Krankenhaus in Aleppo zu bombardieren ist genauso unmenschlicher Terror wie die kaltblütigen Fahrten durch eine Menschenmenge in Barcelona oder Nizza. Nur ist der Aufschrei hierzulande lauter, wenn sich das Grauen praktisch vor der eigenen Haustür abspielt. Es wird in diesen Facebook – Kommentaren dann dazu aufgerufen, nicht nur an Barcelona zu erinnern, sondern bei der Gelegenheit gleich noch einmal ein paar Bilder aus den Krisengebieten zu posten, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Und ich finde das eigentlich gar nicht so schlecht… wenn nicht…

Diese anderen Postings auftauchen würden: Europa- bzw. Europäer-Bashing zum, wie ich finde, denkbar unpassenden Zeitpunkt. „Das geschieht ihnen ganz recht!“, „Sie ernten was sie sähen!“, „Das haben sie nun von ihrer Arroganz.“

Wer denn genau ernten, und wer genau sähen würde, habe ich einen dieser Kommentatoren gefragt. Ich sehe keinen Mariano Rajoy an einer Eisdiele in Barcelona vorbeischlendern, keine Rüstungsindustriemagnaten auf einem Weihnachtsmarkt in Berlin. Stattdessen Urlauber, Familien mit Kindern. Die, die sich eine goldene Nase am Krieg in Nahost verdienen, ernten nicht den Terror, den sie sähen. Ich vermute mal, er interessiert sie maximal als willkommenes Argument für einen neuen Angriff, einen neuen Deal.

Die Antwort: „So lange die Europäer Regime wählen, die den Krieg unterstützen, oder aber wegschauen und dagegen nicht auf die Straßen gehen, werden sie immer wieder Zielscheibe von Terrorakten werden.“ Und ich denke. Verdammt. Wenn meine Familie im Krieg verletzt oder getötet würde, wenn ich nichts mehr zu verlieren hätte…. Würde ich nicht vielleicht auch noch eine handvoll derer mitnehmen, die einfach nur zugeschaut und nichts getan haben?! Die ich für zumindest mitschuldig halte?

Und jetzt wird es eklig, denn ganz egal in welche Richtung ich denke, um den Ausweg zu finden: Ich sehe keinen.

Gehen wir auf die Straße und verkünden wir unsere Ablehnung von Waffenhandel und NATO-Kriegsbeteiligung. Jetzt gleich, als Reaktion auf den Anschlag. So nach dem Motto: Wir haben keine Lust mehr, das zu bezahlen, was ihr im Ausland verzapft! Bringt das etwas? Wird das etwas ändern? Oder spielt das Trittbrettfahrern und neuen Terroristen nicht nur in die Hände? Ich meine, es muss doch ein berauschendes Gefühl sein, mit einem Anschlag die Massen mobilisieren zu können.

Wenden wir uns gegen die Terroristen und unterstützen wir den Kampf, dann geht es genauso weiter, wie bisher.

Tun wir gar nichts, trauern nur und werden vielleicht auch etwas ängstlicher und vorsichtiger, dann ändert sich ebenso wenig.

Halten wir erst einmal die Füße still und gehen dann irgendwann einmal auf die Straße um uns gegen den Krieg auszusprechen dann hat das vielleicht ein wenig Nachrichtenwert. Doch ändert es etwas? Oder rennen wir doch nur gegen eine Wand aus Alternativlosigkeit?

„Wählt andere Politiker!“, war darauf hin sein für meine Begriffe ebenso romantisches wie weltfremdes Argument. Ich kenne niemanden, der sich offen und vehement gegen Rüstung und Militäreinsätze ausgesprochen und dabei jemals das politische Schwergewicht erreicht hätte, wirklich Einfluss nehmen zu können. Weiße Ritter gibt es nur im Märchen.

Also schmore ich weiter in meiner Ohnmacht und Wut und lasse mir noch dazu die Schuld in die Schuhe schieben? Oder ist das nur meine erlernte Hilflosigkeit und es gibt in Wahrheit eine Alternative, die ich nur noch nicht gesehen habe?

Was meint ihr?

Steine im Weg

Zwei Sätze, die ich gestern auf Facebook las, gingen mir heute immer wieder durch den Kopf:

„Die Leute sagten mir, ich ginge den falschen Weg. Dabei hatten sie nur niemals verstanden, dass ich begann, meinen eigenen Weg zu gehen.“

Dabei hatten sie nur nicht verstanden…

Die Gefühle, die sich einstellten, hatten damit wenig zu tun. Ich spürte so etwas wie Ärger. Sie haben es nicht verstanden. Und auf einmal kam mir der Gedanke: Vielleicht haben sie es ja sehr wohl verstanden. Sie wollten es nur nicht.

Was ist daran so schlimm, wenn jemand beginnt, seinen eigenen Weg zu gehen? Nun, er steht nicht mehr zur Verfügung. „Ich konnte auf dich nicht zugreifen“, warf mir einmal jemand vor, der gern mein Chef gewesen wäre. Und es war ein wenig wie in dieser Nacht. Allerdings spürte ich damals keinen Ärger. Nur ein vages, ungutes Gefühl: Irgendetwas ist faul.

Ich erinnere mich, dass ich als Kind oft dieses Gefühl hatte. Auch einen immer wiederkehrenden Traum: Ich versuche, ein Puzzle zu lösen, doch je mehr Teile ich zusammenfüge, desto mehr Lücken tun sich auf. Es brachte mich immer wieder zum Verzweifeln und Aufwachen: Irgendetwas ist faul, doch ich kann es nicht benennen. Ich habe Angst – aber nicht die geringste Ahnung, wovor.

Wie bringt man jemanden davon ab, seinen eigenen Weg zu gehen? Und wenn es nur ein einfaches „Nein“ ist, mit dem ein paar Grenzen markiert werden sollen? Mir fallen spontan jede Menge Möglichkeiten ein:

  • Zum ersten: Verunsicherung. „Das ist falsch, du gehst den falschen Weg. Wenn du diesen Weg gehst, dann wirst du scheitern, dann wird was auch immer passieren.“ Mach keinen Fehler! Scheinbar gut gemeinte Ratschläge, die aber nur das Ziel verfolgen, den eigenen Willen durchzusetzen. Schlichte Manipulation und ein böser Vertrauensmissbrauch. Irgendwann hatte ich erkannt, dass es sich um reine Angstmacherei handelte, und reagierte kontraphobisch im Extrem: Ich widersetzte mich jeder Warnung. Egal, von wem sie kam, egal, wie sinnvoll sie war, selbst meinem eigenen unguten Gefühl misstraute ich – und landete gewaltig auf der Schnauze.
  • Dann: Scham. „Du kannst das nicht, du bist dafür zu klein, zu dumm, zu unbegabt.“ Bis heute versuche ich mir und aller Welt das Gegenteil zu beweisen. Und setze mir gerne zu hochgesteckte Ziele – weil kein Erfolg die Stimmen zum Schweigen bringt: „Alle können das, aber nicht du.“
  • Isolation und Liebesentzug: „Wenn du das machst, dann liebe ich dich nicht mehr. Dann werden sich alle abwenden. Dann gehörst du nicht mehr zu uns.“ Verbal oder nonverbal rübergebracht. Himmel, hat mir das eine Angst eingejagt! In einem Alter, in dem ich wirklich davon abhängig war, dazuzugehören und geliebt zu werden. Das Blöde daran: Die Angst steckt mir immer noch in den Knochen, und kommt hin und wieder zum Vorschein. Nämlich immer dann, wenn es darum geht, mich abzugrenzen – mit dem Erfolg, dass ich noch immer ein gefundenes Fressen biete für Menschen, die ihr eigenes Wohl über alles andere stellen.
  • Und wenn wir schon einmal bei der emotionalen Erpressung angekommen sind, dann sollten Schuldgefühle natürlich auch nicht fehlen: „Du bist schuld, dass es mir schlecht geht. Das hättest du nicht sagen oder tun dürfen! Was tust du mir an!“ Schuldgefühle und Vorwürfe können eine so schwere Last sein, dass es einfacher scheint, sich selbst gegenüber schuldig zu werden.
  • Ach ja! Nicht zu vergessen, die Entwertung. „Du Egoistin! Du Idiot! Du Versagerin!“, zum Beispiel. Passt gut zur Verunsicherung, meine ich, geht aber viel tiefer: Nicht mein Handeln ist verkehrt, sondern ich selbst, als ganze Person. Na, dann kann ich mir ja gleich einen Strick nehmen – oder ich passe mich an und mache, was der andere sagt.
  • Und schließlich, wenn nichts mehr geht, offener Widerstand. Pläne werden vereitelt, Mittel entzogen, Intrigen gesponnen. Gehe. Nicht. Deinen. Eigenen. Weg! Gehe den Weg, der mir selbst am nützlichsten ist.

Ich habe all das erlebt. In meiner Familie, in Partnerschaften, Arbeitsverhältnissen – selbst in Therapien ging es gelegentlich eher um die Bedürfnisse der Therapeuten als um ein ehrliches Hilfsangebot. Und früh genug entsprechend dressiert habe ich es oft genug zu spät erkannt. Dieses Gefühl: „Irgendwas ist faul!“, nicht ernst genug genommen. Meinen Ärger noch nicht einmal gespürt. So erfolgreich war ich auf das Funktionieren für andere getrimmt worden, dass ich sogar stolz darauf war.

„Sie hatten nur niemals verstanden, dass ich begann, meinen eigenen Weg zu gehen.“

Haben sie es vielleicht tatsächlich nicht verstanden?

Ich funktioniere gut!“ Das habe ich mehr als einmal Menschen mit Stolz sagen hören. Oder auch einfach nur: „Man muss doch…„. Wenn ich selbst von mir erwarte, perfekt ins Bild zu passen, wie soll ich dann verstehen, geschweige denn akzeptieren, dass für einen anderen diese Konventionen nicht mehr gelten sollten? Wenn meine Bedürfnisse niemals akzeptiert wurden, wie soll ich dann wirklich nachempfinden können, dass ein anderer Mensch mehr ist, als ein Werkzeug, ein verlängerter Arm?

Nein, ich will auf diese Weise ganz sicher nicht dafür werben, Missbrauchern und Manipulatoren mit Nachgiebigkeit zu begegnen. Auch Mitgefühl halte ich erst dann für angebracht, wenn die Grenze klar gezogen ist. Dann hat der Ärger seinen Zweck erfüllt, die nötige Energie und den Mut verliehen, über den – vermeintlichen – Konsequenzen zu stehen. Doch dann hilft es, auch loslassen zu können.

„Sie sagten, ich ginge den falschen Weg. Dabei haben sie nur nicht gewollt, dass ich meinen eigenen Weg gehe.“

Weil sie es selbst niemals konnten.

Schein und sein

Dreißig Grad und Sonne, ein wunderbarer Tag um glücklich zu sein. Und in mir krabbelt die Depression hoch. Ganz langsam, aber unaufhaltsam. Es beginnt damit, dass ich keine Lust habe, die Vorhänge zurückzuziehen. So fühle ich mich geschützter vor den Gedanken, die sich wieder einmal nur um Fehler und Scheitern drehen.

„Mit einer schweren Depression eine Psychoanalyse zu machen, grenzt an Wahnsinn.“ Das habe ich vor einigen Wochen gelesen, viele Jahre nachdem ich genau das gemacht habe, und seither gut die Hälfte meiner Lebenszeit in der Vergangenheit verbringe: „Sie sind total deformiert. Sie hätten bereits als Kind…, Sie konnten ja noch nie… und daher werden Sie auch niemals…“ Aussagen, für die man eine Psychologin eigentlich hinter Gitter bringen müsste, meine ich. Aber hier wie so oft gilt auch: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, und der Patientenschutz in Deutschland ist ein Witz.

Egal.

Wo bin ich falsch abgebogen? Vor zwanzig Jahren, dreißig, vierzig? Oder vielleicht gerade erst gestern und habe es wieder nicht gemerkt?

Du kommst strahlend ins Zimmer und wünschst mir einen guten Morgen. Ich will mich unter der Decke verkriechen, doch das kann ich dir nicht antun. Wie es mir geht, fragst du. Super – ich setze mein schönstes Lächeln auf und drehe mich kurz weg, damit du nicht siehst, wie mir die Tränen in die Augen steigen.

Wenn es mir so geht, wie heute, brauche ich nichts dringender als deine Nähe. Würde mich am liebsten nur in deinen Armen verkriechen und mir den ganzen Schmerz von der Seele heulen. Und das ist das Allerletzte, was ich tun würde. Stattdessen gehe ich auf Distanz und reiße mich zusammen. Wirke vielleicht ein bisschen kälter als sonst. Keine Schwäche zeigen? Nein, damit hat es nichts zu tun. Aber ich will dir nicht auch noch den Tag versauen.

Schließlich ist doch Sommer und die Sonne scheint.

Stille und Dunkelheit

Vier Uhr nachts in der Nähe von Toledo. Eine unfassbare Stille. Keine Autos, keine Menschen, noch nicht einmal Grillen oder Vögel. Nur ein leises, aber kontinuierliches Rauschen, das genauso gut von einer fernen Straße stammen könnte, wie aus meinem Kopf. Es ist stockfinster, daher sehe ich die Ameisen nicht, die versuchen, an meinen Beinen hochzukrabbeln. Sie kommen über meine Füße nicht hinaus. Ich bin froh über den Hahn, der da gerade kräht. Froh über das Klappern meiner Tastatur. Ich bin die Stille einfach nicht mehr gewöhnt.

War ich es je?

Ich versuche mich zurückzuerinnern. An einen Moment der Ruhe um mich herum, oder auch nur in mir selbst. So lange ich mich entsinne, gab es immer Dinge zu tun. Sachen zu durchdenken. Probleme zu lösen. Das begann schon am frühen Morgen, an dem Mutter rastlos durch die Wohnung rannte und schrie, wenn der Kaffee verschüttet wurde. Die Diskussionen und Schuldzuweisungen, die immer gleichen Erzählungen, mit denen sich Vater die Erinnerungen von der Seele zu schütteln versuchte.

Aus Castilla la Mancha reist meine Phantasie in die Luftschutzkeller von Berlin und in die Gräben von Italien. Wie muss das gewesen sein, in der Stille zu hocken, den Atem anzuhalten, und auf den nächsten Einschlag zu warten? War nicht jedes Zerreissen der Stille, jeder ohrenbetäubende Lärm besser, als die Ungewissheit? Es hatte einen – noch einmal – nicht erwischt? Ich tauche ein in das Gefühl, und weiß nicht, was mich gerade nervöser macht. Die Ameisen oder die Dunkelheit um mich herum.

„Der zweite Weltkrieg ist so unsexy“, sagte mir einmal ein Verleger. Er sei zu lange her. Ich wüsste gern, wie viel von dieser Zeit, die doch schon immer zu unsexy war, um Fragen zu stellen, nun durch unsere Adern rauscht und uns antreibt. Ich stellte wenige Fragen. Sog aber alles in mich auf, das Vater von der Front erzählte. – Eine Sechsjährige mit flammender Fantasie, und der 56 Jährige, der so spannend berichten konnte. Unser Code war: „Willst du eine Abenteuergeschichte hören?“ Mutter ging dann aus dem Zimmer.

Es ging in diesen Geschichten nicht um Freund oder Feind, nicht um Richtig oder Falsch. Vater sang mir stattdessen die alten Lieder vor, sprach von seinen Märschen durch ferne Länder, und davon, wie er „Frau und Kind verteidigt hatte.“ Meine Vorstellungskraft lies mich Bilder erfinden, von Wäldern, in denen er sich versteckt hielt, Männern, die auf einmal ohne Kopf neben ihm lagen, oder den Moment, in dem er erkannte, dass auch er an seinen Verletzungen sterben könnte. Ich erinnere mich an die Angst, die ich empfand: „Papa, ich hätte dich gerettet.“

Ja, viele Jahre später, kamen dann auch solche Fragen auf wie: Ähm, und du? Hast du getötet? Wie lebst du damit? – Ich habe sie nicht gestellt. Nur an eine einzige, irgendwann mit acht oder neun: „Warum bist du denn nicht einfach gegangen?“ – „Weil sie dann mich getötet hätten.“ Mehr brauchte ich nicht zu hören. Von Vater lernte ich, dass es tödlich war, sich im Graben oder Luftschutzkeller eine Zigarette anzuzünden. Wer das tat, verriet nicht nur sich selbst, sondern lieferte auch alle Menschen aus, die mit ihm Schutz suchten. Nur ein unbedachtes Klicken des Feuerzeuges…. Ich hätte jetzt gerne eine.

Wie um alles in der Welt schafften es die Menschen, nicht komplett durchzudrehen? Oder taten sie es, und wir wissen nur nichts davon? Nicht nur von der Front weiß ich so viel und eigentlich gar nichts. Auch nicht aus den Luftschutzkellern, in denen sich meine Mutter als Zehn-, Elfjährige versteckt hielt. Sie erstarrte, wenn sie eine Sirene hörte. Und lachte, wenn ich dann anfing zu weinen. Stille gab es in unserem Hause nicht.

Die Ameisen attackieren zu Hundertschaften. Was tat eigentlich ein Mann, der sich ausgerechnet auf einen Ameisenhügel werfen musste, um sich zu verstecken? Wie konnte der still bleiben? Kleinigkeiten, nach denen ich heute gerne jemanden fragen würde. Jenseits von ideologischen Statements und der Frage nach der Schuld. Die übernahmen und übernehmen noch immer die Kids, die in die Kriege geschickt werden. Reden sie sich vielleicht schön von wegen Erfüllung der Pflicht für die Heimat, Heldentum, Einsatz für eine bessere Welt…. Dabei ist das alles doch nur eins: Unfassbar unfair!

Ich gehe ins Zimmer und hole meine Zigaretten. Vorbei an meiner Familie, die tief und ruhig schläft. Wie würde ich eigentlich reagieren, würde man mich auffordern, sie zu verteidigen? Mal ganz jenseits von Einberufungsbefehlen und Standgerichten.

„Wir waren nur Kanonenfutter.“, sagte mein Vater kurz vor seinem Tod. Vorher ging er mit Knüppeln auf Eichhörnchen los, da er seine Familie vor ihnen beschützen musste. Und er hatte immer einen Dolch unter seinem Bett. Ich weiß nicht, was schlimmer für ihn war: Die Vorstellung, Schuld auf sich geladen zu haben. Oder die ohnmächtige Erkenntnis, geopfert worden zu sein. In beiden Gedankenwelten gibt es kein Maß und keine Mitte, keinen Notausgang in ein normales Leben.

Vielleicht ist es ja wirklich ganz unsexy, wenn ich das schreibe. Doch es ist noch lange nicht vorbei. All das Verschwiegene, jedes Trauma, diesen ganzen Wahnsinn, tragen wir in unseren Adern und weiter von Generation zu Generation. Wir überleben noch immer. Vielleicht hängt die berühmte „German Angst“, unser Sicherheitsstreben, gar nicht so sehr mit unserem Wohlstand zusammen, sondern mit unserer Vergangenheit? Vielleicht ist ihre Angst ja heute unsere? Gerade denke ich, dass es immer weniger Menschen werden, die man danach fragen könnte. Aber nein – es sind nur andere Schauplätze, an denen sich die Kriege heute abspielen. Niemand fragt nach dem Leben danach.

Es ist sechs Uhr morgens, noch immer ist es stockfinster. Doch ich höre Autos und merke, dass mich das freut. Ich habe die Zigarette in den Aschenbecher gedrückt. Und warte auf den Sonnenaufgang.

Jeden Tag ein Foto

Es wäre schön, jeden Tag himmelhoch jauchzend zu sein.

Bin ich aber nicht.

Oft gibt es aber auch Tage oder sogar Wochen, da komme ich nur noch mit Mühe vor die Tür. Schon der Gedanke, einen Schritt nach draußen zu setzen, macht mir Angst. Die ganze Welt erscheint mir bedrohlich, und ich habe nur noch den Wunsch, mich irgendwo zu verkriechen. Das ist natürlich für alle Beteiligten ziemlich anstrengend, und wenn ich einige Zeit allein bin, auch nicht ganz ungefährlich. Und: Es ist ein verlorener Tag.

Ein toller Freund hatte da eine Idee: Er bat mich, ihm jeden Tag ein Foto und ein paar Zeilen zu schicken. Irgendetwas Schönes, das ich entdeckt hatte. Das konnten Blumen sein oder ein gelungenes Graffity an einer Hauswand. Die einzige Vorgabe: Was auch immer es war, es musste sich außerhalb meiner Wohnung befinden.

Am Anfang bin ich tatsächlich nur abends für ein paar Minuten auf die Straße gegangen, bis ich irgendwo ein schönes Motiv gefunden habe, und dann so schnell wie möglich wieder nach Hause gehuscht. Dann wurden die Zeiträume länger, und irgendwann verschwand die Panik wieder. Ich konnte wieder ein normales Leben führen.

Für einige Zeit, denn vor allem, wenn ich großen Stress habe oder mich irgendetwas verletzt hat, neige ich dazu, mich wieder in mein Schneckenhaus verkriechen zu wollen und die Welt macht mir wieder Angst.

Dann ist die Idee mit den Fotos ein Rettungsanker. Ich schicke sie meinem Freund, stelle sie in meinen Blog, oder behalte sie einfach für mich. Aber ich suche jeden Tag bewußt nach einem schönen Motiv, auch wenn es eigentlich gar nichts Schönes zu geben scheint. Irgendetwas da draußen wartet immer darauf, gefunden und gemocht zu werden.

Zeigen wir uns!

Vor einiger Zeit habe ich einen Satz gelesen, der mich ins Schleudern gebracht hat:

„Ich habe eine Depression, und ich schäme mich dafür.“

Ich selbst habe mich über Jahrzehnte versteckt, versucht, mir nichts anmerken zu lassen, kämpfe immer noch mit mir, wenn ich darauf angesprochen werde. Doch nun, wo ich es schwarz auf weiß vor mir sehe, drängt sich mir nur ein Gedanke auf:

„Aber warum denn?“

Es ist, als würde dort stehen: Ich habe Diabetes, und ich schäme mich dafür.

Und wo mir noch kürzlich hunderte Gründe eingefallen sind, weshalb niemand, aber auch wirklich niemand etwas von meiner Erkrankung wissen darf, fallen mir nun so einige Argumente dafür ein, mit fester Stimme und klarem Blick dazu zu stehen:

„Ja, ich habe eine Depression. Ja, ich leide an einer seelischen Erkrakung.“ Punkt!

Ein Gedanke vorneweg: Wenn jemand der Meinung ist, einen Menschen stigmatisieren oder beschämen zu wollen, dann wird er einen Grund (er)finden. Niemand ist perfekt, und wenn er es wäre, dann wäre vielleicht genau dies der Makel, auf dem herumgeritten würde. Also liegt es zuallererst einmal an uns selbst, ob wir uns von einem anderen beschämen lassen.

Aber unabhängig davon bin ich der Meinung, dass es zahlreiche Gründe dafür gibt, sich auch nicht vor sich selbst zu schämen:

Erstens: Eine seelische Erkrankung ist eine Krankheit. Niemand hat sie sich ausgesucht.

Egal, ob es nun Veranlagung, äußere Einflüsse oder eine Mischung aus mehreren Faktoren war: Die Seele ist erkrankt und leidet. Das ist ein Grund, sich Hilfe zu suchen, sich behandeln zu lassen, und gut mit sich selbst umzugehen. Ein Grund, für die eigene Gesundheit zu sorgen. Es ist nicht die Folge einer Entscheidung. Es ist keine Strafe. Es ist einfach eine Erkrankung.

Zweitens: Eine seelische Erkrankung ist keine Charakterschwäche

Was auch immer ohnehin dieses Wort zu bedeuten hätte. Doch ich höre es nicht zum ersten Mal. Während eines depressiven Schubes fallen einem Betroffenen die kleinsten Tätigkeiten schwer. Das ist keine Faulheit. Ganz im Gegenteil. Vielleicht ist ja bereits die Fähigkeit, einen strukturierten Tagesablauf einzuhalten, für einen Betroffenen so eine große Hürde, wie für einen gesunden Menschen, ein bedeutendes Projekt zu stemmen. Welche Kraftanstrengung es darstellen kann, an schweren Tagen aufzustehen, Ängste zu überwinden, aus dem Haus zu gehen, weiß nur der Betroffene. Doch wer würde es einem Asthmakranken verübeln, dass er an keinem Marathonlauf teilnimmt?

Auch unsere seelischen Abwehrkräfte sind in diesen Phasen geschwächt. Wir können nicht überzeugend diskutieren, argumentieren, lassen uns vielleicht ausnutzen, treffen Fehlentscheidungen. Doch auch das sagt nichts über unseren Charakter aus, sondern nur etwas über den momentanen Zustand unseres Gehirns, in dem – teilweise – gerade die Chemie ein wenig aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Drittens: Eine psychische Erkrankung sagt nichts über die Intelligenz eines Menschen aus.

Ganz im Gegenteil. Etliche Menschen mit seelischen Erkrankungen werden bis heute zitiert und bewundert. Und das nicht wegen, sondern trotz der Schwierigkeiten, die ihre Krankheit mit sich brachte:

Charles Darwin litt an einer Depression, Ernest Hemmingway und Charles Dickens an einer bipolaren Erkrankung. Friedrich Nietzsche und Isaac Newton sollen unter einer Schizophrenie gelitten haben… Die Liste ist endlos, und es wurde auch bereits unzählige Male darüber geschrieben.

Eine psychische Erkrankung ist also kein Grund, sein Licht unter den Scheffel zu stellen!

Viertens: Wir tun niemandem etwas zuleide.

Auch wenn Hollywood mit diesem Unsinn viel Geld verdient: Unter einer Depression oder einer bipolaren Erkrankung leidet zuallererst der Erkrankte. Sehr. Ein Mensch mit einer solchen seelischen Erkrankung ist weit entfernt davon, ein eiskalter Psychopath zu sein, ein durchgeknallter Killer zu werden. Ganz im Gegenteil: Viele von uns übernehmen eher zu viel Verantwortung, als zu wenig, wir sorgen uns mehr, haben schneller Schuldgefühle. Wir sind Freunde, Familienväter und -mütter, Arbeitskollegen… keine Kettensägenclowns.

Es ist richtig, dass Menschen in einer manischen Phase dazu neigen, sich selbst zu überschätzen, zu viel Geld auszugeben, sich in peinliche Situationen zu bringen oder grenzüberschreitend zu sein. Darunter kann das Umfeld leiden – und aufatmen, wenn die Manie vorbei ist. Oftmals schämen sich die Betroffenen dann selbst für das, was sie in einer manischen Phase angestellt haben. Doch es war nicht geplant, nicht bewusst herbeigeführt. Die Manie an sich ist Teil des Krankheitsbildes. Kein Grund also, sich zu schämen.

Fünftens: Unsere Erkrankung ist nicht ansteckend.

Es gibt keinen Grund, sich vor uns zurückzuziehen. Wir ziehen uns ja bereits selbst zurück. Weil Schuld- und Schamgefühle ein Symptom einer Depression sind. Also bitte, geht auf uns zu, bezieht uns mit ein. Auch wenn wir in einer solchen Situation vielleicht etwas schwierig sind.

Sechstens: Wir sind beileibe nicht allein.

Scham ist ja ein soziales Gefühl. Die Angst, nicht dazuzugehören, anders zu sein als andere. Doch die Depression hat sich längst zu einer Volkskrankheit entwickelt. Es heißt, rund 5% aller Menschen erkranken mindestens einmal im Leben an einer Depression. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch höher. Da braucht man nur einmal auf die Straße zu gehen: Statistisch weiß jeder Zwanzigste genau, wie es uns geht. Warum zeigen wir uns nicht?

Und siebentens: Wir müssen nicht alle gleich sein.

Menschen haben unterschiedliche Stärken und Schwächen. Ein Mensch ist dynamischer, kann gut führen, mitreißen. Maniker können ausgesprochen kreative, charismatische Persönlichkeiten sein. Andere sind ruhiger, doch gute Zuhörer. Manche Menschen sind groß, andere klein, rotharig, blond, brünett, mehr oder weniger praktisch veranlagt, mehr oder weniger intellektuell, gesund, krank… Viele Dinge im Leben sind Zufall.  Ich schäme mich, 1,65 cm groß zu sein? Ich schäme mich meiner Sommersprossen? Nein.

Ich komme noch einmal zurück darauf: Niemand von uns sucht sich seine Krankheit aus.

Mein Traum ist, dass wir herauskommen aus der lähmenden Scham, das wir uns von dem Stigma befreien und frei und offen sagen können:

Ja. Ich habe eine Depression. Und ich tue alles dafür, dennoch ein gutes Leben zu führen.

Herzlichst, Frances

 

Wie fühlt sich eine Panikattacke an. Und vor allem, wie kommt man wieder raus?

Panikattacken sind unangenehm. Widerlich. Unerträglich. Da ich gerade heute wieder die Begegnung mit einer solchen machte, versuche ich hier einmal zu schildern, wie sich so eine Panikattacke anfühlt – und wie man sie durchsteht.

Bei mir fängt alles mit einem irgendwie unguten Gefühl an. Etwas Negatives, Schweres, legt sich auf meine Gedanken. Eine Erinnerung an eine unschöne Situation, ein Bereuen, eine Sorge… Aber das ist nur das Wetterleuchten, denn kurz danach trifft es mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Entsetzen. Wie in dem Moment, in dem man aus einem Albtraum aufwacht: Das Herz schlägt bis zum Hals, die Hände sind feucht und zittern. Alles dreht sich. Nur hört der Albtraum in diesem Moment nicht auf. Alles ist wie immer, und doch fühlt es sich an, als befände man sich in höchster Gefahr.

Dass diese Gefahr nicht real ist, ist mir in dem Moment zwar schon noch bewusst, es ändert aber rein gar nichts an der Tatsache, dass die Haut in Flammen zu stehen scheint und die Luft knapp wird: Ich sitze in der Falle. In solchen Momenten bin ich dann früher aus dem Haus gelaufen. Gar keine gute Idee. Denn es ist in diesem Zustand ausgesprochen schwer, noch einigermaßen klare Entscheidungen zu treffen. Ich bin, wie auf der Flucht, ziellos durch die Straßen gezogen, habe nicht mehr auf den Verkehr geachtet…

Heute verkrieche ich mich – suche Ruhe und Sicherheit. Im Bad, im Bett. Der Wunsch ist immer noch der gleiche: Bloß raus aus der Situation, am liebsten raus aus meiner Haut. Augen zu – nichts sehen, nichts denken müssen. Dennoch dauert es nicht lange, und die zu der Panik passenden Gedanken und Bilder tauchen auf: Hoffnungslose Situationen. Ich bewege mich vorsichtshalber nicht, als würde ich mich so vor der Gefahr verstecken können. Und gleichzeitig bin ich so ärgerlich auf mich selbst und die verlorene Zeit. Ich weiß ja, dass ich nicht sterben werde – auch wenn ich es in diesen Momenten am liebsten würde. Damit es nur aufhört.

Und dann zwinge ich mich doch. Zumindest einmal, zu atmen. Nicht die Luft anzuhalten, sondern ruhig ein- und vor allem wieder auszuatmen. Zählend. Es geht. Wirklich – es geht! Die Bilder verschwinden zwar noch nicht aus dem Kopf, aber der Körper funktioniert wieder einigermaßen. Ein Schritt. Und wenn ich denn schon nichts gegen die schlechten Erinnerungen tun kann, versuche ich es mit Akzeptanz. Ich schaue sie mir an und warte darauf, dass sie von selbst wieder gehen. Das ist unangenehm, beängstigend. Es sind alte Gefühle, Bilder, Gedanken.

Alte! Das versuche ich mir, im wahrsten Sinne des Wortes, vor Augen zu führen. Ich kann sie mir anschauen und sie aushalten. Vielleicht rolle ich mich ein bisschen zusammen, suche mir eine Position, in der ich mich geschützter fühle. Stelle mir vor, dass ich umarmt und gehalten werde. Und dann lasse ich die Bilder wieder ziehen. Eines nach dem anderen kommt und verschwindet wieder. Und irgendwann beruhige ich mich, das Herz hört auf zu rasen und der Kopf wird wieder klar.

So eine Panikattacke dauert bei mir in der Regel nicht länger als eine Viertelstunde. Danach bin ich furchtbar erschöpft, aber kann wieder ganz normal meinem Tag nachgehen.

Was bleibt, sind die Erinnerungen, und manchmal neue Erkenntnisse. Denn das, was mir Angst gemacht hat, ist in der Regel etwas, das aus dem Unterbewussten an die Oberfläche gedrungen ist. Was immer schon da war, das ich aber niemals sehen wollte und nun musste. Und das ist – bei allem Schmerz – auch etwas Gutes, denke ich. Es macht ein wenig klüger, erklärt manches. Und es zeigt, dass die Seele inzwischen stark genug ist, um mit den verdrängten Erinnerungen neu und anders umzugehen. Es aufzuschreiben hilft. Zu trauern hilft. Und sich immer wieder bewusst zu machen, dass es alte Erinnerungen und Gefühle sind, die man bereits er- und überlebt hat.

Nein, ich hoffe von Herzen, dass die nächste Panikattacke nicht allzu bald kommt. Aber ich weiß, dass sie auch wieder verschwindet.

Garantiert.

p1030309

Narben aus Gold

Eine Geschichte zu haben, einmal zerbrochen zu sein, so heißt es in Japan, mache etwas nur schöner. Daher reparieren sie mit Gold. Anstelle die Schäden und Risse zu verheimlichen, heben sie die Makel hervor. Sie feiern sie als einen Beweis unserer Fehlerhaftigkeit und Zerbrechlichkeit. Aber auch unserer Fähigkeit, uns von einer Krise zu erholen und gestärkt daraus hervorzugehen.