Zu dem folgenden Text inspirierte mich ein Satz, den ich in einem Artikel von v.sv3NZØN  las:

Reich ist der, der sich´s genügen lässt.“

Was für eine Provokation steckt in dieser unschuldigen Aussage  – in der werbegesteuerten Wohlstandsgesellschaft unserer heutigen Zeit!

Bereits vor einigen Jahren bin ich über eine ähnliche Aussage gestolpert, dies allerdings in Ghana, unter ganz anderen Lebensumständen, als wir sie kennen: „Wenn du denken kannst, du hast genug, dann hast du auch genug.“ Ich habe das vor dem Hintergrund der enormen Armut, die ich dort sah, nicht so ganz nachvollziehen können. Und sah das eher als eine kleine Lebenslüge an, die dabei hilft, sich in das Unvermeidliche zu fügen.

Doch nun, vor einigen Tagen, ging ich doch gedanklich noch einmal einen Schritt zurück und fragte mich: Was ist denn eigentlich „genug“?

Die Frage kam zumindest in meiner Sozialisation niemals zur Sprache. Es war ganz klar, dass es immer stetig aufwärts zu gehen habe. Immer etwas weiter, etwas höher, etwas besser als zuvor. Und wichtiger noch: Etwas besser als der andere. Ein „nun reicht es“ gab es nicht.

Und ist es nicht auch das, was uns tagtäglich über die Medien vermittelt wird? Gewinne generieren, das Bankkonto auffüllen, gleichzeitig auch das neueste Auto besitzen und das modernste Smartphone – jede Menge Zusatznutzen wird da verkauft. Ganz viel Status. Und wir dürfen nur nicht zurückstehen, denn das wäre gleichbedeutend mit Unzufriedenheit und schlimmstenfalls sogar dem sozialen Aus. Wie viele verschulden sich, nur um mit den Nachbarn oder Kollegen, Freunden mithalten zu können? Oder weil sie glauben, sich wirklich Glück kaufen zu können? Wie viele schlittern ins Burnout zugunsten der nächsten Gehaltserhöhung? Was würde geschehen, wenn sie stattdessen einmal denken würden: „Halt. Eigentlich habe ich, ganz persönlich, doch genug.“?

Reichtum – wann reicht es?

Und nicht nur auf das Materielle beschränkt sich die Frage. Ich stelle sie mir ganz besonders im Hinblick auf das Immaterielle, das Persönliche, das ganz Nahe. Der Druck, hier nie genug zu haben oder, schlimmer noch, nicht genug zu sein, kann einen ja regelrecht verrückt machen. Nicht erfolgreich genug, nicht klug genug, nicht schön genug, nicht schlank genug… Und wieder boomt der Markt. Es geht darum mitzuhalten, sich selbst zu übertreffen, stets neue Ziele zu erreichen, denn sonst…

Ja. Was eigentlich sonst?

Bist du gescheitert. Bist du nichts mehr wert.“

Das ist mein innerer Antreiber. Ein Anheizer, der mich hat einmal um die Welt reisen lassen, immer weiter, zu immer exotischeren Zielen, um mich dann tief in die Depression zu stoßen – weil es ja doch nicht richtig, nicht gut genug war. Ich hatte nicht genug geholfen, nicht genug die Welt gerettet.

Das Gemeine daran: Niemand hatte mir das vorgeworfen. Ich war es ganz allein, die sich mit dem Hammer auf den Kopf schlug, bis ich nicht mehr konnte. Die mich verurteilte und sich von mir selbst abwandte. Heute glaube ich, dieses Abwenden der Anderen, unter dem ich so gelitten habe, habe ich ganz allein provoziert. In dem ich mich aus Scham abwandte. Aus Scham, nicht gut genug für sie zu sein.

Doch bin ich daran gestorben? Nein. Warum zum Teufel habe ich dann so eine schreckliche Angst vor etwas, das ich mir ja selbst schon die ganze Zeit antue?

Diese Angst stammt aus einer Zeit, in der es in der Tat gefährlich war, wenn sich andere Menschen abwandten. Aus der Kindheit, in der wir abhängig waren von dem Wohlwollen, der Nähe der Anderen. Ich persönlich hatte stets mehr zu sein, als ich war, um mir die Liebe meiner Bezugspersonen zu sichern. Besser, klüger, erfolgreicher, schöner… Und vermutlich bin ich mit dieser Erfahrung nicht allein. Noch heute mache ich meinen Wert von den Blicken anderer abhängig. Das Kind in mir hat noch nicht begriffen, dass es kein Kind mehr ist und selbst für sich sorgen kann.

Hier ist es also gut, wirklich einmal stopp zu sagen und genauer hinzuschauen, anstatt immer weiter im Hamsterrad seine Runden zu drehen. Wenn ich für mich selbst sorgen kann, dann kann ich selbst auch entscheiden, wann es gut ist. Wann ich genug habe und genug bin. Wann ich glücklich sein darf mit dem, was mir zur Verfügung steht.

In Argentinien, in einem Land, in dem das Sparen schier unmöglich ist, weil die Banken und die Inflation das Geld regelrecht auffressen, ist der Kontostand wenig ausschlaggebend für das empfundene Glück. Und auch in Deutschland, so heißt es, währt das Glück über ein neues Auto oder einen Lottogewinn nur kurze Zeit – danach fühlt man sich ebenso gut oder schlecht wie zuvor. Die im Inneren zu stopfenden Löcher lassen sich eben niemals mehr von außen füllen. Diese Zeit ist endgültig vorbei. Man muss es eventuell betrauern, immer akzeptieren.

Reich ist der, der es sich – sich selbst – genügen lässt.

Ja, ich weiß. All diese Gedankenspiele funktionieren nur bedingt. Zu groß sind die Verpflichtungen, die wir als Erwachsene bereits eingegangen sind. Vielleicht muss ein Haus abbezahlt werden, der Job kann nicht einfach gewechselt werden, die Familie geschützt und versorgt. Doch eines habe ich auf Reisen gelernt: Wir befinden uns in Deutschland in einer unendlich privilegierten Situation. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist eine Privatinsolvenz oder Hartz IV. Der Staat bezahlt unsere Miete, wir werden niemals ohne Gesundheitsversorgung dastehen, für das Nötigste ist gesorgt. Auch im allerschlimmsten Fall wird es genügen. Auch wenn wir uns vielleicht ein anderes Umfeld suchen müssen. Wir sind noch immer im Verhältnis zu den meisten Menschen auf der Welt unfassbar reich.

Vielmehr muss man ein für alle mal die Frage für sich selbst beantworten: Was will ich im Leben? Was genügt mir? Was kann ich eigentlich erreichen? Dann erübrigen sich auch die Vergleiche nach oben oder nach unten. Es wird immer jemanden geben, der mehr hat und kann. Doch das sagt noch lange nicht, dass er auch mehr ist. Was früher fehlte, müssen wir uns heute selbst geben. Diese bedingungslose Akzeptanz, dieses bedingungslose Sich-selbst-Lieben. Und dann sagen: Ich bin das. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und was immer auch geschieht:

Ich bin genug.