Fast genau 20 Jahre ist es jetzt her, dass sich mein Vater das Leben nahm. Ich habe in der Zeit tausende Fragen gestellt, und tausend verschiedene Erklärungsversuche erhalten. Von Kriegstraumata über Geldsorgen über mögliche seelische Erkrankungen… Fakt ist auch heute noch: Ich weiß nicht, warum er es getan hat. Ich will das jetzt aber gar nicht so ausweiten. Viel wichtiger ist mir der folgende Punkt:

Ich war ein Papa-Kind. Was er tat oder sagte, war für mich der rote Faden in meinem Leben. Er war meine äußere – und irgendwann ja auch innere – Autorität. Was aber, wenn diese Autorität am Ende des Lebens zeigt: Komm, vergiss alles, was ich dir erzählt habe. Es macht so unglücklich, dass du nur noch sterben willst?

Ich habe tatsächlich versucht, alles zu vergessen, und die Lücke mit den unzähligen Angeboten zu füllen, die Werbung, Gurus, Lebensratgeber und Konsorten bereithalten: Ich habe gearbeitet bis zum Umfallen, Karriere gemacht, gespart, eingekauft, bin ins Fitnessstudio gerannt, zum Friseur, habe wieder und wieder den Look verändert, den Mann, die Lebensziele, die Religion….

Und bin wieder an den Punkt gekommen: Ich habe keine Ahnung, was wirklich glücklich macht.

Ein gedanklicher Anker, an den ich mich zu halten versuche, seit ich davon gelesen habe, ist jedoch das Buch von Bronnie Ware – „The Five Regrets of Dying“: Es handelt von den fünf Dingen, die Menschen zumeist bereuen, wenn sie im Sterben liegen.

  1. „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben.“
  2. „Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.“
  3. „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.“
  4. „Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrecht erhalten.“
  5. „Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.“

Fünf kurze Sätze, bei denen ich heute schon zurückschaue, und denke: Mist.

Aber wir alle haben ein großes Privileg: Wir haben noch einen Tag, ein Jahr, vielleicht sogar 30, 40 Jahre, an denen wir es ab heute anders machen können. Und wenn ich mich daran erinnere, dann versuche ich, vielleicht einen kleinen Schritt, in die richtige Richtung zu gehen. Ich rufe eine Freundin an. Ich lasse mich einmal mehr von meinem Partner in den Arm nehmen.

Kleine Momente, die ich versuche, wie auf einer Perlenkette aufzureihen: Die nächste Krise kommt bestimmt. Aber jetzt – in diesem Moment – bin ich glücklich.